Jean-Jacques Servan-Schreiber: "Frankreich steht auf"; Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg; 97 Seiten, 6,80 DM

In Paris sind bereits zahlreiche Schriften mit Zeugnissen, Darstellungen und Deutungen der großen Unruhe von Mai und Juni erschienen. Bestenfalls gehören sie mehr zu den Dokumenten der Bewegung als zu den Versuchen, sie zu verstehen. Sofern diese Schriften mehr zu sein beanspruchen als Material, müssen sie um so schneller veralten. Das gilt besonders für das allen voran erschienene Büchlein des Herausgebers der Wochenzeitung "L’Express", Jean-Jacques Servan-Schreiber – ein Büchlein, das sowohl auf das Interesse am Ereignis wie auf den verdienten Ruhm eines Bestseller-Autors ("Die amerikanische Herausforderung") rechnen durfte. Das Büchlein ist noch dünner als es scheint. Die 97 Seiten der deutschen Ausgabe entsprechen nur 60 vollbedruckten Seiten, darunter acht Seiten Auszüge aus dem früheren Buch. In den Lettern eines Rororo-Taschenbuches würde diese Schrift kaum mehr als dreißig Seiten Umfang haben.

Das wäre keine Kritik, wollte nicht der Verfasser zu viel verschiedene Dinge auf so schmalem Raum bewältigen: eine Revolution zugleich interpretieren und vorwärts treiben und ihre verschiedenartigen, zum Teil widerspruchsvollen Motive auf einen Nenner bringen. Dabei hatte der Mai-Aufstand gerade unter den Studenten entschieden antitechnologische, utopische Züge getragen, die mit den früheren Bestrebungen des Verfassers nur willkürlich und mittels massiver Vereinfachung identifiziert werden können.

Nichts erfahren wir vom Unterschied, der so schnell ein Gegensatz wurde, zwischen Studenten- und Arbeiterforderungen, nichts von der Nichtteilnahme der Bauern, die bis dahin oft genug zu den eruptiv unzufriedenen Schichten gehört hatten, nichts von den schnell sichtbaren Gründen der politischen Niederlage, vom Anwachsen einer sehr viel stärkeren Gegenbewegung. Sofern Servan-Schreiber diese Revolution als aktive Kritik an einem Regime des Nationalismus, der Starrheit, des Monologs darstellt, ist seine Argumentation triftig, seine Polemik zündend. Aber die Bewegung selber wurde ihm nicht zum Gegenstand einer historischen Reflexion oder sonst irgendeines wahrnehmbaren kritischen Denkprozesses.

Als dieses Büchlein erschien, war längst die vorläufige Niederlage und das Ende der Illusion einer "Studenten- und Arbeitererhebung" klar; der Katzenjammer nach dem noblen Rausch hatte bereits eingesetzt, und diese Lobrede auf eine spontane Bewegung, eine Hoffnung, eine Illusion, unter völliger Ignorierung der schon erkennbaren Reaktion – in jedem Sinn des Wortes –, der Enttäuschung und Desillusionierung, war ebensoschnell veraltet wie sie schnell auf den Markt geworfen wurde.

Servan-Schreiber fühlte sich von dieser Welle emporgetragen: die alte Generation habe nichts mehr zu sagen, die Zwanzigjährigen hätten Fragen gestellt, und die Vierzigjährigen – also seine eigene Generation – müßten antworten. Auch das ist eine, wegen ihrer Zielstrebigkeit fast entwaffnende Vereinfachung; denn es gibt Fragen, auf die die Zwanzigjährigen selber Antworten wissen, und solche, in denen, zu Recht oder Unrecht, ein großer Teil der Franzosen auf einen Siebenundsiebzigjährigen gehört hat – darunter Hunderttausende von Arbeitern, die sonst kommunistisch stimmten, so daß die Parole: "Alle Macht den Vierzigjährigen" nicht ohne unfreiwillige Komik ist.

Den deutschen Verlag, der sich den wichtigen Bestseller desselben Autors gesichert hat, trifft kein Vorwurf, daß er dieses so viel weniger wichtige Büchlein übernommen hat. Nur dürfen die Leser wissen, daß auch unter den jetzt erschienenen französischen Schriften zum Thema des Mai 1968 dieses bei weitem nicht das gehaltvollste ist. François Bondy