Von John Russell

John Russell ist Kunstkritiker der englischen Zeitung "Sunday Times" und Autor der ersten umfassendenMonographie über Max Ernst auf deutsch erschienen bei DuMont Schauberg, Köln, 1966).

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Die IV. documenta ist für jeden ein außergewöhnliches Erlebnis, besonders allerdings dann, wenn man, wie ich zum Beispiel, Professor Bodes abenteuerliches Unternehmen von Anfang an verfolgt hat und sich noch daran erinnern kann, wie die documenta mit einem "k" in der Mitte begann und eine neutrale Retrospektive der Kunst der vergangenen sechzig Jahre war. In diesem Jahr nun hat die documenta allen historischen Ballast hinter sich gelassen; und mit diesem Ballast ist auch die schöne Geschichte dahin, daß die documenta in einer Wildnis stattfindet, in der noch nie etwas stattgefunden hat. Die IV. documenta geht davon aus, daß die Leute nicht – oder zumindest doch nicht mehr – durch eine historische Ouvertüre, in der Matisse und Cézanne als die Ahnherren der Moderne auftreten, eingestimmt werden müssen: Die Gegenwart spricht für sich selbst und aus eigener Kraft, und in der documenta IV nimmt man es für selbstverständlich, daß die neue Generation der Besucher dadurch nicht verstört sein wird.

Ich für meinen Teil finde diese Idee richtig und begrüßenswert, obwohl ich weiß, daß für viele das historische Vorspiel in irgendeiner geheimnisvollen Weise identisch war mit "Würde" und "Tradition", wohingegen die Präsentierung des Neuen immer noch als ein Glücksspiel betrachtet wird. Nun, es ist ein Spiel und eines, in dem viele Verlierer auf der Strecke bleiben werden. Einige Verlierer hat es bereits gegeben, insofern als viele bewunderte Künstler in der documenta IV nicht vertreten sind, und zwar, weil sie nach der Diskussion vom Komitee bewußt ausgelassen wurden. Es wird zweifellos noch andere Verlierer geben: Zu keiner anderen Zeit haben Künstler einander so schamlos kopiert wie heute, und die Geschichte hat da ihre eigene Methode, solche Dinge auszusortieren.

Aber andererseits ist es natürlich eine erregende Erfahrung, eine wirklich heterogene Ausstellung moderner Kunst zu sehen, in der auf alte Bindungen keine Rücksicht genommen wurde und auch die berühmte englische Vorstellung vom "fair play" keine Rolle spielte. Die Leute sind in der documenta ausgestellt, weil die Veranstalter sie unbedingt dabei haben wollten, andere Gründe gibt es nicht.