Von Wolfram Siebeck

In dieser Woche jährt sich wiederum der Tag, da der Berliner Ethnologe Dr. Ch. Kolumbeck Bayern entdeckt hat. Wir erinnern uns: Er wollte den Beweis antreten, daß entgegen landläufiger Meinung auch im Süden Deutschlands noch von Menschen bewohnte Gebiete sein müßten. Nach endloser, strapaziöser Fahrt voller Baustellen und Stauungen geriet er schließlich in eine wunderschöne, von der Zivilisation noch unberührte Landschaft, wie er sie bisher nur von Bildern aus einer verschollenen Zeit kannte. "Hier muß das sagenhafte tausendjährige Reich gewesen sein!" notierte er damals erregt. Es war eine Vermutung, die inzwischen durch Ausgrabungen im bayerischen Landtag bestätigt wurde.

Dr. Kolumbeck, der vorsichtig über gefahrvolle Frostaufbrüche in das fremde Land eindrang, schildert seine erste Begegnung mit den Eingeborenen: "Es waren dickbauchige Menschen mit phantastischem Kropfschmuck, die mich mißtrauisch betrachteten. Als ich ihnen durch Zeichen – ich reichte ihnen ein Goldstück – bedeutete, daß ich friedlichen Sinnes zu ihnen gekommen sei, begriffen sie das sofort und boten mir eine zweimal gekochte Kartoffel an, die sie Knödel nannten." Das ist eine Sitte, die sich, wie wir wissen, bis heute in Bayern erhalten hat.

Spätere Reisende betraten die entdeckten Gebiete nicht immer in so freundlicher Absicht wie der Berliner Ethnologe.

So verkauften skrupellose Händler den Bayern ein Nachrichtenmagazin, in welchem die Unfehlbarkeit ihres Häuptlings angezweifelt wurde, wodurch die gutgläubigen Eingeborenen schwere psychische Schäden erlitten. In Gemeinschaftsschulen sollten sie ihrer Medizinmänner und damit auch ihrer folkloristischen Eigenart beraubt werden. Als dann ein norddeutscher Siedler den zynischen Ausspruch tat: "Nur ein roter Bajuware ist ein guter Bajuware", kam es zu den ersten Auseinandersetzungen. Vor allem jene ihrer Wildheit wegen gefürchteten Krieger vom Stamme der Ce-Es-Uu lieferten den roten Bleichgesichtern manche blutige Schlacht.

Auch heute kommt es gelegentlich noch zu Zusammenstößen. Reisen in die Bayern-Reservate an der Isar oder am Inn, besonders zur Zeit der "Parteitag" genannten Zusammenkünfte der Ce-Es-Uu-Krieger, wenn die Bayern den Maßkrug ausgraben und gutturale Kriegsschreie ausstoßen, sind nicht ganz ungefährlich.

Der Reisende tut deshalb auch heute noch gut daran, den Rat Dr. Kolumbecks zu befolgen, der damals in sein Tagebuch schrieb: "Die beste Methode, mit den Eingeborenen auszukommen, scheint mir, sie zu überlisten, indem man das Wort Brotzeit ruft, worauf sie sofort von jeglicher Aktivität ablassen."