Paris, im Juli

De Gaulles Entschluß, sich von seinem Premierminister Georges Pompidou zu trennen, hat Paris überrascht. Der General hatte ihn noch am 30. Mai mit Lob überhäuft; "Ich werde nicht meinen Premierminister wechseln, der wegen seines Ranges, seiner Solidarität und seiner Fähigkeiten die Bewunderung aller verdient." Der Wahlerfolg wurde dann beiden gemeinsam zugeschrieben. Und wenn Frankreich heute an die Mai-Unruhen zurückdenkt, dann erinnert es sich auch der Tage, an denen de Gaulle schon gar nicht mehr vorhanden schien, an denen es aber Georges Pompidou ständig in Aktion sah: rundlich und ruhig, die ausgebrannte Zigarette im Mundwinkel, den Schalk in den Augen, müde aber unerschütterlich. Der General wird einige Mühe aufwenden müssen, will er verhindern, daß der Abgang Pompidous als schlichter Undank verstanden wird.

Es wird heißen, Pompidou sei aus der Frontlinie entfernt worden, damit er um so unverbrauchter für größere Aufgaben, nämlich für das Amt des Staatspräsidenten, bereitstehe, wenn de Gaulle einmal abtritt. Aber der General denkt nicht wirklich an seinen Rücktritt. Im Vordergrund stand bei der Entlassung Pompidous doch wohl mehr der Wunsch, den Wandel, den das Land verlangt, durch einen auffallenden Personenwechsel sichtbar zu machen – und sich dabei von einem soliden Konservativen zu trennen, der skeptisch wird, wenn er hört, Frankreich müsse der Welt einen neuen Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus zeigen. Pompidou ist für de Gaulle nicht der Mann der "Participation". Couve de Murville, der als neuer Premier ausersehen ist, ein fügsamer und einfühlsamer Vollstrecker gaullistischer Politik, eignet sich dafür besser. E. W.