Messungen, die in den vergangenen Jahren mit modernen physikalischen und technischen Hilfsmitteln an der Venus vorgenommen wurder, erlauben bisher keine eindeutige Bestimmung des Durchmessers dieses Planeten. Dieses überraschende Ergebnis veröffentlichte der amerikanische Physiker Professor Irwin Shapiro zusammen mit seinen Mitarbeitern vom Massachusetts Institute of Technology und von der Cornell Universität in Arecibo (Puerto Rico) in der Zeitschrift "Science" vom 31. Mai 1968.

Zwei als sehr exakt geltende Methoden wurden in den letzten Jahren für die Ermittlung des Venusdurchmessers herangezogen. Einmal tastete man die Oberfläche des Planeten mit scharf gebündelten Radarimpulsen ab und empfing die von dort zurückkehrenden Echos. Je mehr man sich dabei von der Mitte her dem Planetenrand näherte, desto länger wurde der Weg – wegen der Kugelform des Planeten –, den der reflektierte Impuls zurücklegen mußte, des:o später traf also das Echo auf der Erde ein, Ein Kilometer Wegverlängerung entspricht dabei einer Zeitverzögerung von einigen Millionstel Sekunden. Außerdem wurde die Stärke des Echos zu den Rändern hin schwächer, da die Ränder des Planeten nur noch einen kleinen Bruchteil des ursprünglichen Impulses in Erdichtung reflektierten. Aus der Zeitverzögerung, mit der ein gerade noch registrierbares Echo eintraf, konnte man den Durchmesser der Venus berechnen. Beobachtungen der Jahre 1950 bis 1967 führten übereinstimmend zu einem Wert vor 12 110 Kilometern.

Die zweite Methode verwertet Meßdaten, die von Raumsonden zur Erde gefunkt wurden. Im Herbst vergangenen Jahres gelang es sowjetischen und amerikanischen Wissenschaftlern etwa gleichzeitig, derartige Sonden zur Venus zu schicken. Am 10. Oktober 1967 setzte die in der UdSSR gestartete Venera 4 auf der Venusoberfläche auf, und nur neun Tage später passierte die amerikanische Sonde Mariner V den Planeten in geringer Entfernung.

Venera 4 informierte während ihres Fluges die Bodenstationen unter anderem über die Temperatur in der Venusatmosphäre und über ihren Abstand von der Venusoberfläche. Mariner V dagegen schickte – kurz bevor sie hinter der Venus verschwand – Radiowellen zur Erde, aus deren Ablenkung auf den Druck und auf die Temperatur in der Venusatmosphäre geschlossen werden konnte. Da sich aus der Flugbahn der Sonde ihr jeweiliger Abstand vom Schwerpunkt der Venus berechnen ließ und da die Richtung bekannt war, in der die Radiowellen ursprünglich von der Sonde ausgestrahlt wurden, konnte man genau bestimmen, in welcher Entfernung vom Venuszentrum die Ablenkung der Radiowellen erfolgt war. Auch diese Sonde übermittelte also eine Ortsabhängigkeit der Temperatur in der Venusatmosphäre.

Aus der Kombination der Daten beider Sonden erhält man zu jeder beobachteten Temperatur zwei Höhenangaben, einmal die Höhe über der Venusoberfläche (Venera 4) und zum anderen den Abstand vom Mittelpunkt der Venus (Mariner V). Die Differenz beider Höhen entspricht dem halben Durchmesser des Planeten. Das Ergebnis: 6085 Kilometer. Das heißt, der auf diesem Weg bestimmte Venusdurchmesser (12 170 Kilometer) ist 60 Kilometer größer als der aus den Radarmessungen hervorgegangene.

Diese Diskrepanz ist beunruhigend; sie läßt nur den Schluß zu, daß mögliche Fehlerquellen unberücksichtigt blieben und eine der beiden Messungen verfälschten. Aber welche?

Stellt man die Berechnung auf Grund der von den Raumsonden übermittelten Daten in Frage, so gibt es einen Unsicherheitsfaktor. Es ist nämlich bisher nur aus Veröffentlichungen in russischen Tageszeitungen vom Oktober vergangenen Jahres bekannt, daß die Sonde Venera 4 ihre Höhe über der Venusoberfläche durch Radarmessungen bestimmte. Aus diesen spärlichen Informationen lassen sich keine Rückschlüsse auf die Genauigkeit dieser Höhenmessungen ziehen. Es wäre also möglich, daß sich Venera 4 um etwa 30 Kilometer "verschätzt" hat.