Johannes Brahms: "Klavierkonzert Nr. 2, B-Dur"; Geza Anda, Berliner Philharmoniker, Leitung: Herbert von Karajan; Deutsche Grammophon Gesellschaft 139 034, 25,– DM

Als Herbert von Karajan mit Svjatoslav Richter Tschaikowskys b-moll-Konzert aufnahm, kannte man das Werk anschließend kaum wieder: Aus einem pathosreichen Objekt für einen Klavierhusaren war ein Stück feinsinniger, wenn auch etwas akademischer Poesie geworden. Wenn man von der neuen Brahms-Platte – sie bietet die mindestens zwanzigste Aufnahme des Konzerts im derzeitig verfügbaren Repertoire, in dem sowohl Anda wie Karajan längst vertreten sind – die ersten zwei Minuten gehört hat, glaubt man, wieder völlig Neues erwarten zu dürfen. Sehr breite Einleitungstakte, in denen das Hornmotiv außerordentlich zart vom Klavier aufgegriffen wird, und dagegen gesetzt ein vehementer Ausbruch im ersten Orchestertutti: Anda und Karajan scheinen einen Film der harten Schnitte gemacht zu haben. Dieser Grundeindruck bleibt, nur werden die Gegensätze von Poltern und Singen, von Zorn und Wehmut, von Oktavenfurioso und ironischen Farbspielereien mit der Zeit schwächer – vermutlich gewöhnt man sich auch mit fortschreitendem Konzert mehr und mehr an die abrupten Wechsel. Anda nimmt den ersten Satz ziemlich langsam, trotzdem bekommt der Satz eine unheimliche Erregung, der drive geht vor allem auf Karajans Konto, der schlaue Fuchs weiß ganz genau, was mit einem raffiniert angelegten Crescendo, mit einer leicht angehobenen Blechbläserkantilene oder mit Staccato-Akkorden automatisch an Spannung erzeugt werden kann. Brahms in Chromstahl, nicht unbedingt für jeden Hörer, aber allein das erste Orchestertutti lohnt schon die Anschaffung.

Heinz Josef Herbort