Von Birgit Kraatz

Efebo heißt auf deutsch Jüngling. Der von Selinunte hat einen ernsten Blick, große offene Augen mit weißen Pupillen, einen Lockenkopf und eine zarte, sehnige Gestalt. Kunstkenner schätzen den Wert der Statue auf 800 Millionen Lire, das sind etwa fünf Millionen Mark. Der griechische Künstler Fidia soll sie 500 v. Chr. in Bronze gegossen haben.

Der Jüngling von Selinunte ist eines der wichtigsten Dokumente griechischer Kunst, die in Italien gefunden worden sind, und eines der zwanzig wertvollsten Kunstobjekte, die Italien überhaupt besitzt; er hat. eine Odyssee in der Unterwelt skrupellosen Kunstgeschäfts hinter sich, das dem Lande jährlich einen Schaden von 25 Millionen Mark zufügt.

1886 hatte ein Bauer die Bronzefigur aus den Ruinen von Selinunte gezogen. Fortan stand sie im Konferenzzimmer der Gemeinde von Castelvetrano auf einem Tisch, 35 Jahre lang. Für 100 Lire zog sein Kustode den bunten Lappen weg, der sie vor dem gröbsten Staub und der billigsten Neugierde schützte, wenn Gelehrte und Touristen den Efebo sehen wollten. Doch dann, am 31. Oktober 1962, vergriffen sich Diebe an dem Jüngling. Sie stiegen durch das Badezimmer der Bürgermeisterei ein, hüllten die Bronze in Wurstpapier und verschleppten sie.

1,5 Millionen Dollar lockten

Zwei Monate vor dem Raub hatte ein New Yorker Museum 1,3 Millionen Dollar Castelvetrano für den Griechenjüngling geboten.

Die Einbrecher handelten im Auftrag eines reichen Sizilianers in Amerika. Ihre Belohnung sollte 500 000 Lire betragen. Als sie hörten, wieviel der Efebo wert war, fühlten sie sich betrogen. Sie beschlossen, das Geschäft ihres Lebens selber zu machen. Sie versuchten es fünf Jahre lang, verfolgt von Rudolfo Siviero, seit 25 Jahren Leiter der Fahndungs-Operationen nach wertvollen Kunstobjekten, die aus Italien illegal ins Ausland abwandern.