Allenthalben regt sich schroffe Kritik gegen, den Vorschlag zur Wehrgerechtigkeit, den eine Sonderkommission des Bundestages ausgearbeitet hat, um das Ärgernis zu beseitigen, daß sich unter den jungen Wehrpflichtigen Dienende und Verdienende fast die Waage halten.

Nur 47 Prozent der Wehrpflichtigen müssen heute in die Kasernen einrücken; von allgemeiner Wehrpflicht kann da kaum die Rede sein. Aber die nun zur Diskussion gestellte Alternative "Dienen oder Zahlen" bietet keinen praktikablen Ausweg. Und schon gar nicht in der vorgeschlagenen Form, bei der die Einführung einer Wehrsteuer, die Verkürzung des Wehrdienstes auf fünfzehn Monate und eine personelle Erhöhung der Bundeswehr wechselseitig voneinander abhängig gemacht werden. Obgleich Vertreter aller drei Parteien und der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Eduard Adorno gemeinsam zu diesem Plan beigesteuert haben, wird der Vorschlag in Bonn aus gutem Grund ziemlich schonungslos zerzaust.

Man fragt sich vor allem, welche Arglosigkeit den Sonderausschuß eigentlich dazu verführt hat, das Problem der Wehrgerechtigkeit auf die außenpolitische Ebene hochzuschrauben. 45 000 Soldaten mehr, nur um den Überhang an Wehrpflichtigen abbauen zu können – das ist ein verschrobenes Motiv. Seit jeher ist die Stärke der Bundeswehr ein außenpolitisches Problem besonderer Art. Der Kanzler war vor genau einem Jahr in hellen Nöten, als das Kabinett bei der mittelfristigen Finanzplanung die Verteidigungsausgaben zusammenstrich und erst hinterher erkannte, daß diese buchhalterische Tat – weniger Geld bedeutet weniger Soldaten oder Verzicht auf moderne Waffen – zu Verwicklungen mit Washington führte.

Außenpolitische Überlegungen, finanzielle Sachzwänge und Zweckmäßigkeitserwägungen der militärischen Führung haben Politiker und Militärs seit einem Jahr übereinstimmend für eine Schrumpfung der Bundeswehr plädieren lassen. Die Empfehlung der Sonderkommission läuft auf das Gegenteil hinaus. Freilich wünscht auch sie nicht eine Vermehrung der Brigaden oder neue Investitionen, sie glaubt vielmehr, durch eine intensivere Ausschöpfung der Wehrpflicht aus Gründen der Gerechtigkeit zugleich die durch Urlaub, Krankheit und Lehrgangsteilnahme meist arg gelichteten Reihen der Kompanien auffüllen zu können. Doch die Gesamtzahl der Soldaten ist eine politische Zahl, an ihr kann nicht so nebenher herummanipuliert werden.

Das Kernproblem der Wehrpflicht liegt heute darin, daß die Entwicklung ihren praktischen Wert immer mehr in den Hintergrund rücken läßt. Gewiß ist die Berufsarmee noch lange nicht spruchreif. Aber schon heute stellen die Wehrpflichtigen weniger als fünfzig Prozent der Bundeswehr; der ideale Anteil läge noch niedriger, etwa bei einem Drittel. Andererseits: Nicht einmal jeder zweite Wehrpflichtige wird Soldat. Bei nur fünfzehn Monaten Wehrdienstzeit könnten es wegen des schnelleren Austauschs zwei Drittel sein; die Wehr-Ungerechtigkeit indessen bliebe bestehen. Es wäre deshalb problematisch, die nicht eingezogenen Wehrpflichtigen 25 Jahre lang mit einer Steuer von drei Prozent ihres Einkommens zu belegen, solange kein Wehrpflichtiger einen Rechtsanspruch geltend machen kann, daß er auch tatsächlich seine Dienstzeit ableisten darf.

Der ebenfalls aus Gerechtigkeitserwägungen vorgeschlagenen Ausweichmöglichkeit – Zivilschutzkorps und Katastrophenschutz – haftet der Verdacht bloßer Beschäftigungstheorie für Wehrpflichtige an. Überdies müßten diese Organisationen erst mit riesigen Kosten ausgebaut werden, damit sie überhaupt Wehrpflichtige aufnehmen können.

Bei der Idee der Wehrsteuer mag der Schein der Gerechtigkeit manche Zustimmung hervorrufen. Aber statt der "Bestrafung" sollte man eher die Belohnung der Wehrpflichtigen erwägen – sei es durch Steuerermäßigung, sei es durch höhere Entlassungsgelder oder berufliche Erleichterungen. Damit bräche freilich auch die Idee zusammen, daß aus der Wehrsteuer die Mehrkosten für längerdienende Soldaten finanziert werden können, deren Bedarf mit einer höheren Ausschöpfung der Wehrpflicht steigen müßte.