Kiel

Sie sitzen auf dem Stresemann-Platz vor Kiels Hauptpost. Die heiße Sommersonne scheint auf Erdbeeren, Sprudel und Flugzettel, die vor ihnen auf den Pulten liegen. In Lübecks Stadtforsten machen sie sich um den "sauberen Wald" verdient. Sie lesen aber nicht nur Müll aus dem Unterholz, sondern vermessen der Hansestadt den Krempelsdorfer Park und kleben im Altenheim Wilhelmine Possehl Tapeten.

Es sind die Ingenieurstudenten Schleswig-Holsteins, die nun schon seit dem 11. Juni im Vorlesungsstreik, dem längsten in der Landesgeschichte, stehen. In Kiel hinter ihrem Aufklärungsstand vor der Hauptpost werden sie von älteren Bürgern oft gescholten: "Die sollen lieber studieren statt streiken." In Lübeck sind sie der Hansestadt liebste Söhne. Die "Lübecker Nachrichten" meldeten: "Ingenieurstudenten erobern die Herzen der Lübecker."

Bislang galten auch in Schleswig-Holstein die Ingenieurstudenten als Musterstudenten. Jetzt aber stellen sie konktrete Forderungen. Ihr Sache allerdings vertreten sie maßvoll. Von Revolution und Räte-Herrschaft ist keine Rede. Ihnen geht es um das bessere Fachhochschulgesetz im nördlichen Bundesland.

Regierung und Landtag entsprachen dem studentischen Wohlverhalten. Das Kultusministerium legte einen Gesetzentwurf "als Arbeitsgrundlage für die weitere Diskussion" auf den Tisch aller – ein Novum. Der Volksbildungsausschuß unter Professor Conrady (SPD) ließ ein dreitägiges Hearing abrollen, bei dem alle, die Akademien besuchen, zu Worte kamen. Ministerpräsident Helmut Lemke empfing die Vertreter der jungen Leute zum Vortrag im Jachtklub.

Die Differenzen sind immer mehr abgebaut worden. Kommt der Landtag, der seit dem letzten Montag über das Hochschulgesetz berät, noch einige Schritte entgegen, so ist das frühzeitige Streikende möglich. Der Streikbeginn wurde so terminiert, daß der Vorlesungsausstand bis Semesterschluß nicht mehr als fünf Wochen dauert. Erst wer länger als sechs Wochen vor Semesterschluß fehlt, kommt nicht ins nächste.

Für die zweite und letzte Lesung nach den Sommerferien bleiben im wesentlichen noch drei Punkte zur Annäherung: