Von Karl Heinz Wocker

Im Jahre 1964 verlor der Labour-Politiker Patrick Gordon Walker seinen Wahlkreis Smethwick an einen Jung-Tory namens Peter Griffiths, der im Wahlkampf das Einströmen der Farbigen auszuschlachten wußte. Die Briten rieben sich die Augen. Was sie für eine lokale Frage der Eingliederung von Commonwealth-Minoritäten gehalten hatten, war mit einemmal ein nationaler Alptraum geworden, der überall seine Spuren hinterließ.

Zum Zeitpunkt der Oktoberwahlen von 1964 befanden sich in Großbritannien etwa 750 000 nichtweiße Zuwanderer. Da ein erheblicher Teil von ihnen britische Pässe entweder besaß oder beanspruchen konnte, wäre der Terminus "Einwanderer" vielleicht nicht ganz angebracht. Und wer keinen britischen Paß vorzuweisen hatte, der glaubte zumindest an sein moralisches Recht, in die angeblich weitgeöffneten Arme des Mutterlandes zu sinken, weil er daheim die Lebensbedingungen schlecht fand. Daheim – das waren vor allem Indien, Pakistan und die Westindischen Inseln. Die drei Gruppen dieser Herkunftsländer bilden noch heute die Dreiviertelmehrheit der farbigen Einwanderer in Großbritannien, man könnte auch sagen: in England – weil Schottland und Wales vergleichsweise wenige Immigranten aufgenommen haben.

Die 750 000, die bis zum Herbst 1964 gekommen waren, hatten sich zudem in einigen Städten konzentriert, in anderen waren sie so gut wie unbekannt. London und Birmingham wurden die ersten Ballungszentren, wobei die Hauptstadt ihrer See- und Handelstradition wegen mit Menschen anderer Hautfarbe länger und besser vertraut schien als die Metropole der Midlands, in der sich eine gewisse provinzielle Muffigkeit unter dem Glanz neureichen Bürgertums stärker zu konservieren wußte als im Zehn-Millionen-Schmelztiegel des Südostens. Daß es im Londoner Stadtteil Notting Hill zum erstenmal – vor genau zehn Jahren – zu Krawallen zwischen Weiß und Schwarz kam, war insofern atypisch, als alle folgenden Reibereien sich anderwärts entzündeten.

Zerstörte Illusionen

Symptomatisch war an diesen Schlägereien nur dies: Sie wurden von weißen Jungarbeitern angezettelt, die während einer wirtschaftlichen Depression gegen die sozial unerwünschte Konkurrenz rebellierten. Politisch rechts stehende Sektierer nahmen sich sofort dieser Fälle an; sie hofften auf eine Radikalisierung der Wähler, worin sie sich jedoch bald getäuscht sahen.

Von den Hugenotten des 16. bis zu den Polen des 20. Jahrhunderts hat England zahlreiche Minderheiten absorbiert. Die heutige Oberschicht gibt davon Zeugnis: Nicht alles, was im House of Lords sitzt, hat einen Stammbaum bis hinauf zu Wilhelm dem Eroberer (der bekanntlich auch eine Art Einwanderer war). Juden, Iren, Franzosen, Kanadier machten ihren Weg auf der Sozialskala nach oben. Würde man in London alle Geschäftsleute aus nicht ursprünglich englischen Familien verbannen: Die City wäre so spärlich bevölkert, wie es die Fahrersitze in Bus und U-Bahn wären, wollte man alle Farbigen des Landes verweisen. Aber eben das Vertrauen in die Aufsaugfähigkeit des "british way of life" war das größte Hindernis, das sich einer rechtzeitigen Erkenntnis der Andersartigkeit dieser, jüngsten Immigration in den Weg stellte.