Das Rendsburger "Bauernblatt" klagte: "Schlechte Politik, untragbare deutsche Konzessionen, Verständigung in erster Linie auf unserem Rücken." Andere der Landwirtschaft verbundene Zeitschriften verbreiteten derweilen mit Fleiß Berechnungen, nach denen der deutsche Milchpreis "auf den letzten Platz sinkt".

Zielscheibe ist der "mehr oder weniger ausgewogene Kompromiß", zu dem sich die Agrarminister der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft am "Internationalen Tag der Milch" durchgerungen haben. Obwohl er – nach den Verlautbarungen der Verhandlungspartner – "die unterschiedlichen Interessen der Erzeuger, der Verbraucher und der Finanzminister berücksichtigt", stellt er weder Erzeuger, noch Verbraucher oder Finanzminister zufrieden. Vor allem aber nimmt er keine Rücksicht auf die wirtschaftlichen Gegebenheiten.

Die deutschen Milchbauern fühlen sich geprellt. Sie wissen aus Erfahrung, daß der auf 39 Pfennig bestätigte Richtpreis für ein Kilogramm Milch sich am Markt nur annähernd erreichen läßt – wenn alles gutgeht, wenn die Interventionen bei Butter und Magermilchpulver wirken.

Daran aber, ob die Aufkäufe staatlicher Vorratsstellen zu festen Interventionspreisen bei Butter noch wirksam sind, scheinen lebhafte Zweifel angebracht. In den letzten Monaten hat sich gezeigt, daß Butterinterventionen den Marktpreis keineswegs garantieren. Erst zögernd, dann auf breiterer Front sank der Marktpreis unter den Mindestpreis, der bei einer Einlagerung auf Staatskosten gezahlt worden wäre, weil die Molkereien ihre Butter lieber mit Abschlag auf den Markt statt ohne Abschlag ins Kühlhaus bringen.

Deutsche Meiereien haben sich als Unternehmer entschieden: Sie wollen nicht länger am Markt vorbeiproduzieren. Sie wissen, eines Tages geht dem Bundesfinanzminister die Luft aus, sind die Vorratslager voll, und dann zieht die Interventionsnotbremse nicht mehr. Ehe sie in diese Sackgasse schlittern, bleiben sie lieber am Markt und am Konsumenten, wenn es im Augenblick auch scheinbar ein Verlustgeschäft ist.

Diese sensationelle Entwicklung, dieses Mißtrauensvotum der deutschen Milchwirtschaft an die Butterinterventionen, an die Milchmarktordnung und an den Milchrichtpreis ist von vielen Fachleuten nicht einmal als Sensation empfunden worden. Seit Jahren weiß man dort, daß der künstlich hochgehaltene Erzeugerpreis die Produktion stimuliert und den Verbrauch abschreckt, so daß sich die Marktordnung früher oder später ad absurdum führen wird – je nach der Kapazität der Kühlhäuser und der Kassenlage des Bundes, der die Lagerkosten zahlt.

Bauern, die in ihrer örtlichen Molkereigenossenschaft ein Ehrenamt haben, wissen es, Bauernverbandssprecher wissen es noch genauer, und am genauesten wissen es die Landwirte, die ihren Berufsstand in der Politik repräsentieren. Aber die Gewißheit, daß der vor Jahren wider besseres wirtschaftliches Wissen fixierte, und jetzt in Brüssel bekräftigte Milchrichtpreis nur auf Kosten stetig wachsender Überschüsse und mitsteigenden Kosten für Interventionen durchzusetzen wäre, hat noch keinen Vertreter und Sprecher der Bauernschaft bewogen, einen reellen, real erzielbaren Milchrichtpreis zu fordern.