Unser Kritiker sah:

DAS SALZBURGER

GROSSE WELTTHEATER

Von Hugo von Hofmannsthal Bad Hersfelder Festspiele

echsundvierzig Jahre alt ist jetzt jene Neudichtung, mit der Hofmannsthal "Das große Welttheater" Calderons für die Salzburger Festspiele von 1922 ersetzte. Neun Jahre lang war dieses geistliche Schauspiel das eigentliche "Weihespiel" auch in Hersfeld. Als man sich 1962 von ihm ebenso wie von Hofmannsthals "Jedermann" trennte, war das ein vernünftiger Entschluß: Stücke, die literarisches Kunstgewerbe sind, altern schnell. Daß sie sich nicht mit inszenatorischen Mitteln konservieren lassen, lehrten verschiedene Versuche mit dem "Jedermann" in Salzburg. Werner Kraut, der Regisseur und Bearbeiter des zehnten Hersfelder "Welttheaters", griff deshalb in Dramaturgie und Sprache ein.

Zunächst versuchte er, den Stoff zu aktualisieren: Der "Vorwitz" rennt, turnt und tingelt jetzt in Blue jeans durch das Spiel, das er "Remmidemmi" nennt. Wenn die unverkörperten Seelen eingekleidet werden sollen, ruft er: "Klamotten her!" Wenn es um die Königsrolle geht, singt dieser Räsoneur nach der Melodie des Horst-Wessel-Liedes: "Diktator spielen war begehrt von allen. Drum ist das Stück dann schließlich durchgefallen."

Der "Widersacher" ist aus einem mephistophelischen Anwalt der Zukurzgekommenen zu einem politischen Chamäleon geworden: zunächst modern gekleideter Verteidiger mit Aktenköfferchen; dann in brauner Montur den zum Kanzler ernannten "Reichen" mit dem Hitler-Gruß erinnernd: "Kennen wir uns nicht?" Schließlich in blauer Mao-Uniform Anführer einer Gruppe von Revolutionären, die den "Bettler" zur Gewalttat anstacheln.