Im Werkraumtheater der Münchner Kammerspiele sind Reste eines großgedachten Stückes zu besichtigen, rücksichtslos umfunktioniert zu einer agitatorischen Achtzig-Minuten-Revue. Der "Viet Nam Diskurs" von Peter Weiss wird gespielt, doch die Bühnenrückwand schmückt die hingekritzelte Parole "Dokumentartheater ist Scheiße", und die Regisseure Wolfgang Schwiedrzik und Peter Stein geben durch ihre Darbietung klar zu verstehen, daß sie weder Stilisierung und Ritualisierung von zweieinhalbtausend Jahren Geschichte zu einem quasi wissenschaftlichen Nationalschauspiel nachvollziehen noch der Illusion aufsitzen wollen, durch einen faktenschweren Theaterabend könnten Ahnungslose aufgeklärt und Gutmütige vom bösen Willen der Amerikaner überzeugt werden.

Die Münchner Aufführung sucht sich nicht über ihre Ohnmacht zu täuschen, ihre Effektlosigkeit im Politischen; sie geht von der realistischen Einsicht aus, daß sich ein solches Stück doch nur jene ansehen, die schon halbwegs Bescheid wissen, zumindest antiamerikanisch gestimmt sind – ein Publikum also, das den "Viet Nam Diskurs" eigentlich nicht "braucht". Damit das Spiel doch einen Zweck hat, spielt man es anders, macht den Schritt rückgängig, den Peter Weiss in der Entwicklung vom polemischen zum objektiven Theater (also vom "Lusitanischen Popanz" zum "Viet Nam Diskurs") sieht, und benutzt auch den Vietnam-Text zu direkter Agitation: Emotionale Amerika-Gegner sollen zu bewußten Vietcong-Anhängern werden.

Von der kostbaren Ästhetisierung, der Choreographie, der Komposition und der geduldigen Faktenvermittlung des Originals bleibt wenig übrig. Ein flink und gelöst arbeitendes Schauspielerteam in Arbeitskleidung führt Vietnam-Sketches vor, ohne Krampf, ohne Pathos, ohne Dekor; Wolfgang Neuss steht daneben, erklärt, glossiert die Dialektik der Geschichte, reißt Witzchen – die Stilmittel der Darbietung gleichen der Knüppel-aus-dem-Sack-Theatralik, die unsere noch amateurhaft werkelnden "Straßentheater" zu entwickeln versuchen, nur die Bravour ist größer: eine Parlamentsdebatte als groteskes Kasperletheater, Politiker in der Attitüde von Kino-Gangstern, Diem an Stricken als zappelnde Marionette. Die unbeschäftigten Mitspieler untermalen diese "Nummern" nach Art eines munteren APO-Auditoriums mit Pfuirufen, Sprechchören, inbrünstigem Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh! – und da, weitab vom Stück, scheint die kulinarische Aufführung für Augenblicke etwas anderes, aufregend Konkretes durch Vergegenwärtigung zu treffen: die Lage einer Opposition, hier und heute, die in ohnmächtigem Grimm nur noch sich selbst zujubeln kann. Urs Jenny