Seit Beginn dieses Jahres, meine verehrten Leser, ist der Durchschnitt der deutschen Aktienkurse um 15 bis 17 Prozent gestiegen. 1967 hatte der Index um knapp 40 Prozent angezogen. Eine kräftige Hausse liegt also hinter uns. Und wie immer in Zeiten mehr oder weniger forcierter Abwärtsbewegungen schleichen sich Aktien in die Wertpapierdepots ein, die aus kurzfristigen, spekulativen Erwägungen erworben worden waren, danach aber sehr leicht in Vergessenheit geraten.

Mir scheint jetzt der Zeitpunkt für eine durchgreifende Bereinigung gekommen zu sein. Ich bin keineswegs der Ansicht, daß die deutsche Hausse bereits ihr Ende gefunden hat, aber mit der verstärkten Aktivität der Ausländer ist sie in ein Stadium gerückt, das neue Überlegungen notwendig macht.

In den kommenden Monaten werden wir uns an der Börse vermutlich mit folgenden Faktoren auseinandersetzen müssen:

1. Die Währungsspekulation. Die Dollar- und Pfund-Krise ist nicht beseitigt, sondern nur vorübergehend durch die Spekulation um eine Abwertung des französischen Franc in den Hintergrund gedrängt worden. Viele Leute im In- und Ausland sehen eine Lösung der Währungsprobleme in einer Erhöhung des offiziellen Goldpreises, andere drängen auf eine Aufwertung der Mark. Dadurch entsteht der Eindruck, daß die Mark zur Zeit "die sicherste Währung" der Welt ist. Das begünstigt den Zuzug internationaler Liquidität in die Bundesrepublik. Allerdings fließt davon nur ein geringer Teil in die deutschen Aktien, die ja gerade bei einer Aufwertung der Mark einen Rückschlag erleiden mußten.

2. Die Gewinnerwartungen. Die bisherige Aufwärtsbewegung der deutschen Aktienkurse hatte ihre Hauptursache in der berechtigten Aussicht auf steigende Unternehmergewinne. In den letzten Jahren waren sie wegen ständig steigender Kosten ständig geschrumpft, über den Anstieg der Lohnkosten fand eine "Umverteilung der Gewinne" statt. Das hatte ein gefährliches Nachlassen der Investitionen zur Folge. Mit der wirtschaftlichen Wiederbelebung und durch die Zurückhaltung der Gewerkschaften in der Tarifpolitik wird sich die Gewinnsituation der Unternehmen wieder verbessern. Das rechtfertigt eine Neuorientierung der Aktienkurse. Inzwischen wissen wir allerdings, daß sich die Gewinnbesserung sehr differenziert vollzieht. Manche Branchen scheinen vorerst noch nicht viel davon zu merken. Unternehmen, die 1967 noch Umsatzsteigerungen erzielten und ihre Kapazitäten voll auslasteten, können naturgemäß 1968 nicht mit sensationellen Gewinnsteigerungen aufwarten. Geben die Gewerkschaften im Herbst und im nächsten Jahr ihre besonnene Haltung in der Tarifpolitik auf, wird die gesamte Gewinnprognose zu überdenken sein.

3. Die Konjunktur. In der bisherigen Einmütigkeit von Bundeswirtschaftsministerium und Bundesbank hinsichtlich der Konjunkturbelebung sollen sich die ersten Risse gezeigt haben. Während Bundeswirtschaftsminister Schiller für eine Beibehaltung der Politik des "leichten Geldes" eintritt, mehren sich in der Bundesbank die Stimmen, wegen der im Herbst zu erwartenden Preissteigerungen die Kreditzügel nicht mehr länger schleifen zu lassen. Es ist sogar schon von Mindestreservenerhöhungen die Rede. Da die deutsche Hausse zum Teil auf Liquiditätsgesichtspunkten beruht, würde eine mögliche Einengung die Voraussetzungen für weitere Wertpapierkäufe verschlechtern.

4. Der internationale Wettbewerb. Trotz der sich belebenden Inlandskonjunktur wird die Beschäftigung unserer Wirtschaft weiterhin entscheidend von ihrer Exportfähigkeit beeinflußt. Störungen im internationalen Handelsverkehr könnten schmerzliche Folgen haben. Man sollte sicherlich Verständnis für die französische Regierung haben, wenn sie versucht, durch protektionistische Maßnahmen ihrer Industrie jene Marktanteile zurückzugewinnen, die sie durch den Streik eingebüßt hat. Leider ist der Protektionismus aber eine Seuche, die rasch um sich zu greifen pflegt. Gegen sie ist die deutsche Wirtschaft besonders anfällig.