Von Horst Krüger

Ach, natürlich, nichts scheint auf den ersten Blick leichter, als auf diesen Mann einen Nachruf zu schreiben. Es bietet sich so vieles an. Man könnte ihn unter all seinen Verdiensten zudecken. Im Zwielicht unserer Gesellschaft, die sich zu ihrer Vergangenheit nicht bekennen will, ging von ihm zu viel Helligkeit aus, um sie jetzt zu übersehen – hinterher.

Man müßte also schreiben: Ein mutiger und unbequemer Kämpfer ist gestorben, der Frankfurter Generalstaatsanwalt, ein aufrechter Streiter gegen den Ungeist des Nazismus – gestern und heute in Deutschland. Er hat uns im Ausland viel Ehre verschafft, unverdient für uns. Er war ein unerschrockener Kämpfer für Fortschritt und Aufklärung im düsteren Gängewerk der deutschen Strafjustiz. Ein Glücksfall in unserer Verwaltung; er machte aus dem Land Hessen eine Oase forensischer Liberalität. Verlage, die mit Beschlagnahmen zu rechnen hatten, siedelten sich in seinem Machtbereich an. Er war ein Liberaler linker Provenienz, der nicht müde wurde, auf Kongressen, Tagungen, Round-table-Gesprächen für Freiheit und Vernunft zu streiten. Er war, wenn das Wort erlaubt ist, ein gläubiger Atheist, ein zorniger Rationalist; auch etwas Parzival, auch etwas Don Quixote – im Talar.

Das alles müßte man, um ihn zu "würdigen", ungefähr so schreiben. Man müßte hinzufügen: Sein Tod reißt eine Lücke – unersetzbar, wahrlich.

Gewiß, das alles stimmt, es ist zutreffend, nur bleibt es zu glatt, zu eindeutig, um das Rauhe, das Sperrige, das Ungelöste seiner Existenz zu fassen. So rasch kommt man in diesem Fall nicht davon. Fritz Bauer war komplexer, schwieriger.

Ich lernte ihn vor Jahren anläßlich des ersten Auschwitz-Prozesses in Frankfurt kennen. Seitdem hatte uns hier in der Stadt etwas verbunden – was war es? War es nur die Nähe des Ortes, war es so etwas wie Freundschaft oder, bescheidener ausgedrückt, ein Stückchen Gesinnungskumpanei?

Wir trafen uns so oft auf der Frankfurter Zeil, mittags, oft zufällig. Mit seinem über die Jahre hinaus zerfurchten Gesicht, seinen flammenden, weißen Haaren, seiner rauhen, stoßartigen Stimme wirkte er auf den ersten Blick wie ein Patriarch, ein Prophet der Aufklärung: etwas von Ben Gurion, etwas von Ernst Bloch, ganz ins Pragmatische gewendet.