Lyndon Johnson bewies Mut zum Risiko, als er den Krieg in Vietnam eskalierte. Nun aber, wo es darum geht, die Kriegsspirale herunterzuschrauben, läßt er diesen Mut vermissen. Er wagte im Frühjahr nur einen halben Schritt, obwohl nur ein ganzer Schritt – U Thant hat es ihm soeben wieder bescheinigt – das Tor zu Friedensverhandlungen aufstoßen könnte: der totale Stopp des Bombenkriegs gegen Nordvietnam. Einer Weltmacht, die Khe Sanh räumen kann, ohne daß ihr Prestige darunter leidet, sollte diese einseitige Geste – die doch nur die Probe aufs Exempel wäre – nicht allzu schwerfallen. Je länger Johnson zögert, desto mehr gleicht seine Friedenspolitik seiner Kriegsführung: Vor lauter halbherzigen Entscheidungen verrennt sie sich in einem Labyrinth der Ratlosigkeit.

Die Nachrichten aus der Avenue Kleber wirken in ihrer Monotonie allmählich so ermüdend wie die Berichte von der Dschungelfront.

Nach einem Dutzend Sitzungen sind die Pariser Vietnam-Gespräche noch nicht über den Abtausch von Agitationssalven hinausgediehen; es sei denn, man wertet es als hoffnungsvolles Zeichen, daß die Propagandareden immer kürzer, die Teepausen immer länger werden.

In Washington setzt man unterdessen auf die sowjetische Karte. Der Moskauer Trend zur Entspannung im Raketen Wettrüsten und zur Neutralisierung der weltpolitischen Spannungsfelder, etwa im Nahen Osten, schließlich auch die Differenzen zwischen Peking und Hanoi – das alles scheint die These zu stützen, Moskau habe jetzt endlich eine reelle Chance, die Nordvietnamesen zum Einlenken zu bewegen. Aber noch ist der Wunsch der Vater dieses Gedankens.

Ho Tschi Minh war allzeit ein widerborstiger Partner, den auch hartgesottene Kremlpolitiker nicht schrecken können. Sein Gegenspieler Thieu in Saigon steht ihm freilich an Intransigenz nicht viel nach. Eine paradoxe Situation: Die Großmächte sind sich einig im Willen zur Entspannung, aber sie wagen aus Rücksicht auf ihre empfindlichen Klienten nicht, ihren Willen durchzusetzen. K.H. J.