Die Bundesregierung beißt sich derzeit an Moskau die Zähne aus. Das ist mit Bedauern festzustellen, aber überraschen kann es nicht. Die Verhärtung der sowjetischen Haltung gegenüber Bonn stammt nicht von gestern. Des Kremls Antwort auf das Gewaltverzichtsmemorandum der Bundesregierung liefert einen neuen Beweis der Intransigenz, ihr Tenor jedoch hat schon einige Zeit die Reden der Moskauer Staatsmänner bestimmt.

Was nun? Diejenigen in unserem Lande, die der Entspannungspolitik der Großen Koalition von vornherein nur Mißtrauen entgegengebracht haben, möchten jetzt am liebsten ganz die Richtung wechseln. Die alte Achse, die vom Bayern-Kurier bis zur Welt am Sonntag reicht, wird von den Entspannungskritikern wieder kräftig geschmiert. Sie, die aus fünfzehn Jahren Kalten Krieges nicht die Lehre zogen, daß er nichts einbringt, verdammen die Auflockerungspolitik der Equipe Kiesinger/Brandt schon nach neunzehn Monaten. Die Kurzatmigen wittern Morgenluft. Die Entspannung habe bisher nur Anspannung gezeugt, orakeln sie düster – als sehnten sie sich zurück in die Schützengräben des Kalten Krieges.

Gewiß, die Sowjets zeigen sich derzeit unnahbar und unnachgiebig, und Ostberlin ist unverkennbar auf eine neue innerdeutsche Eiszeit aus. Doch wäre es töricht, deswegen von der eigenen Bereitschaft zum Ausgleich abzugehen. Sie ist auf lange Sicht angelegt und sollte von kurzfristigem Auf und Ab nicht berührt werden. Man darf die Erfolge der neuen Ostpolitik nicht in Monaten und nicht in Jahren rechnen, nicht einmal in Legislaturperioden. Sie braucht einen langen Atem – zumal es keine erfolgversprechende Alternative dazu gibt.

Wie es denn auch ganz unsinnig ist, die ersten Zeichen zaghafter Verständigung zwischen den Supermächten zu bejammern und zu verurteilen; denn ohne eine sowjetisch-amerikanische Annäherung wäre auch der innerdeutsche Ausgleich in Frage gestellt. Nicht-Entspannung kann uns keinen Schritt weiter bringen. Und daß Entspannung immer nur einen Zustand relativer Beruhigung schaffen kann, nie einen quasi-paradiesischen Zustand ohne jegliche Ränke und Rivalität der Mächte, nie gleich die Lösungen offener Probleme, sondern bestenfalls die Voraussetzungen für Lösungen – das sollte eigentlich auch simplen außenpolitischen Gemütern einleuchten.

Es ist nicht zu bestreiten, daß Moskau, Ostberlin und Warschau heute Kalten Krieg führen. Aber für uns darf das kein Anlaß sein, wieder in ihn zurückzufallen.

Theo Sommer