Von Klaus Thiele-Dohrmann

Seit zwei Wochen sieht die Schweiz ihre sprichwörtliche Friedlichkeit erschüttert: In Zürich kam es zu blutigen Schlachten zwischen Jugendlichen und Polizisten. Der internationale Aufstand der Jugend, von den Schweizern bis vor kurzem erstaunt und nur von weitem beobachtet, hat vor dem Land Wilhelm Teils nicht haltgemacht. Wie es zu den heftigen Straßenkämpfen in Zürich kam, darüber berichtet der folgende Beitrag.

Spätestens zu Beginn des Sommersemesters war zu erkennen,daß die revolutionsähnlichen Erschütterungen in anderen Ländern an der Schweiz nicht spurlos vorübergegangen waren. Zwar sind seit längerer Zeit, ziemlich unabhängig von den Vorgängen in Frankreich, Deutschland und Italien, Debatten über eine Hochschulreform in der Schweiz im Gange; sie haben auch bereits eine Reihe positiver Resultate erbracht. Aber Sit-in und Teach-in waren hierzulande noch kaum praktizierte Techniken – obgleich die Unzufriedenheit der Studenten und Jugendlichen mit dem System keineswegs geringer ist als in den Nachbarländern.

Ein erstes Zeichen internationaler studentischer Solidarität war die Einladung an Rudi Dutschke, bei einem Seminar der neugegründeten Fortschrittlichen Studentenschaft Zürich über Fragen der Hochschulreform zu sprechen. Nach dem Mordanschlag auf Dutschke kamen Bernhard Achterberg (Kiel), Gaston Salvatore (Berlin) und Günter Amendt (Frankfurt) nach Zürich zu einer Diskussion mit etwa tausend Zuhörern, vorwiegend Studenten.

Wie Max Frisch in der Studentenzeitung "Zürcher Student" mißmutig feststellte, verlief die Auseinandersetzung der Hörer mit den Argumenten der deutschen Gäste streckenweise "sehr provinziell". Daß allerdings auch die SDS-Sprecher trotz rhetorischer Routine durchaus nicht auf alle Fragen befriedigende Antworten wußten, zeigte eine bis weit nach Mitternacht dauernde Debatte in kleinen Gruppen.

Die Feiern zum 1. Mai machten dann deutlich, daß auch in anderen Teilen des Landes Studenten und Jugendliche von der allgemeinen Unruhe erfaßt waren: Bei den Maifeiern in der Bundeshauptstadt Bern trat erstmals eine Gruppe der sozialistischen Studenten des Forum politicum der Universität mit Transparenten in Erscheinung, die Aufschriften wie "Arbeiter und Studenten", "Die Jugend von heute – die Verantwortlichen von morgen", "Demokratie und Sozialismus" trugen. Ein Sprecher erklärte, Gespräche zwischen Arbeitern und Studenten seien dringend notwendig; hierfür brächten die Arbeiter "eine jahrzehntelange Erfahrung, die Studenten tausend Ideen" mit.

Auch in Basel plädierten Gruppen von Jugendlichen und Studenten für Zusammenarbeit mit der Arbeiterschaft. Vereinzelt wurden Vietcong-Fahnen sichtbar. Die recht friedliche Versammlung löste sich bereits gegen Mittag wieder auf.