Von Karin Zeller

Stuttgart

Mit den Worten: "Haben wir mal wieder was geschafft!", verließ Obermedizinalrat Henck nach der Urteilsverkündung im Fall Dietrich den Gerichtssaal. Sein psychiatrisches Gutachten und ein Zusatzgutachten von Professor Rauch aus Heidelberg gaben dem Stuttgarter Schwurgericht die beruhigende Gewißheit, ein einwandfreies Urteil fällen zu können: Zweimal lebenslänglich für den 41jährigen Erich Dietrich, überführt des Lustmordes an der siebenjährigen Hannelore Eibl und der fünfjährigen Sybille Frank.

Damit war der fünftägige Prozeß für den Triebverbrecher, für den "Psychopathen ohne Krankheitswert", wie Gutachter feststellten, zu Ende. Die Zuschauer dieses letzten Aktes riefen ein letztes Mal "Drecksau", "Aas" und "Scheißtier" hinter Dietrich drein, als er abgeführt wurde, um nun hinter Zuchthausmauern das fortzusetzen, was seit seiner frühesten Kindheit begonnen hatte: die totale Isolation. Siebenunddreißig Jahre hatte sie gedauert, bis sie sich in der totalen Aggression entlud.

Dietrich, ein großer, schwerfälliger Mann mit zu langen Armen, zu großen Händen, der schleppend und vornübergebeugt geht. Die dunklen Augen stehen fast unbeweglich, sie scheinen nichts aufzunehmen.

Seine Mutter war geisteskrank. Sein Vater Hilfsarbeiter, vorübergehender Bordell Besitzer. Kinderheim, Volksschule und weil er sie nicht schafft: Hilfsschule. Erziehungsheim, weil er "schwer erziehbar und zerstörungswütig" ist. "Was heißt schwer erziehbar, ich hab’ halt ein bißchen viel gerauft in der Schule, weil die Kinder mich immer geärgert haben!" Er kapselt sich ab, wird von der Umwelt zum Deppen gestempelt. Er will Gärtner werden, sein Meister entläßt ihn, er ist mit ihm nicht zurechtgekommen, Dietrich wird Hilfsarbeiter. Er wird zum Arbeitsdienst eingezogen, er kommt zur Wehrmacht, zu einem Panzerjagdkommando nach Italien. Er will sich bei seinen Kameraden beliebt machen, er verlegt sich aufs Schnapsorganisieren.

Nach dem Krieg wird er wieder Hilfsarbeiter. Auf die Frage, warum er nicht geheiratet habe, sagt er: "Die, die ich wollte, wollten mich nicht." Er versucht mit Geschenken, mit Tapferkeitsgeschichten aus dem Krieg, mit einem angeblich erhaltenen EK I und der Nahkampfspange auf die Frauen Eindruck zu machen. Manchmal hat er eine Freundin, aber immer ist es gleich aus. Er wird Tbc-krank, von da an "haben sie sowieso alle von mir Abstand genommen". Er wird an der Bandscheibe operiert. Ernsthafte Potenzstörungen stellen sich ein. Da ist einmal eine Marianne während eines Faschings, es kommt zu einer Beziehung, Dietrich versagt. 1965 macht er die Bekanntschaft der Serviererin Ellen B. Sie arbeitet in der Gaststätte, in der er öfters ißt. Anderthalb Jahre bemüht er sich um sie, schreibt ihr Liebesbriefe, schenkt ihr Blumen. Ellen B. läßt sich beschenken, nimmt ihn aber nicht weiter ernst: "Liebesbriefe! So was Dämliches. Ich habe zusammen mit meinem Söhnchen herzlich darüber gelacht – wissen Sie, weil so viele Fehler drin waren." Am Heiligen Abend 1966 endlich erhofft sich Dietrich "wegen der weihnachtlichen Stimmung" Entgegenkommen. Er kommt mit Seife und Parfüm, schenkt ihrem Sohn sieben Mark und wird stehen gelassen. Unter der sexuellen Anspannung, die sich auf den Abend mit Ellen B. konzentrierte, macht er sich enttäuscht durch Stuttgarts Straßen auf den Heimweg. Er will ein Kino besuchen. Die Kinos haben am Heiligabend geschlossen.