Von Marie Luise Scherer

Berlin

Immer waren es Männer, die ihre Umgebung bestimmten. Der Vater, ein Patriarch der überlieferten Prägung, das Elternhaus, streng und männlich geführt, immer eine Hochburg karitativer Gepflogenheiten: Suppe und Matratze für Brot- und Heimatlose. Elisabeth Harre, Tochter eines Superintendenten, geboren im westfälischen Bad Triberg, aufgewachsen in Warendorf bei Münster, ist die einzige Frau, die "im männlichen Vollzug sitzt". So die Kurzformel im Branchenjargon, In Berlin glückte ihr, was ihr andere Bundesländer versagten: "Eine Frau im Strafvollzug für Männer, das gibt es nicht, das wird es nie geben." In der letzten Woche übergab der Berliner Justizsenator Hoppe der 41 Jahre alten Regierungsrätin Harre die Leitung der Jugendstrafanstalt Plötzensee. Mit diesem Amt wurde sie Oberregierungsrätin und "Mutter der Plötze".

Die Karte mit der Nummer 23. die ihren Inhaber "zum Verlassen der Anstalt berechtigt", ist zuerst ein Eintrittsbillett. Viele verschlossene Türen müssen aufgesperrt werden, bevor das Verschlußsystem im Refugium der Anstaltsleiterin zurückhaltender wird. Man passiert zwei Türen, die unversperrt bleiben und nur eingeklinkt werden müssen. Die Holz- und Linolschnitte an den Wänden, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als Reliefschnitzerei verraten weniger strenge Kunstauslese als das Wohlwollen der damit Beschenkten: "Alles von unseren Jungens hier."

Die am schnellsten zu erfassenden Attribute dieser Frau lassen bei ihrer Aufzählung ein Bild entstehen, welches Gefahr läuft, hier die herbe Tatkräftige, die Intelligenzlerin mit Altstimme, die total Emanzipierte aufzuzeigen. Im Selbsttrost begabte Männer haben die eigene Unterlegenheit damit auch schon rechtfertigen können. Elisabeth Harre, starke Raucherin, herkömmlichen Stimulanzien zugeneigt, impulsiv in Sprache und Gestik, eine Anti-Beamtin, die sich auch davor fürchtet, daß diese spezielle Ausstrahlung vielleicht mißverstanden wird.

"Als Dreijährige saß ich auf den Knien – wie sich später herausstellte – eines gesuchten Mörders, der bei uns Schlafgast war." Das ist eine gern konservierte Kindheitserinnerung und keine Reminiszenz an den Tatort ihres heutigen Wirkens. Es gab einen langen Umweg, bis Elisabeth Harre die öffentlichen Stellen davon überzeugen konnte, daß eine Frau im Strafvollzug für Männer keine Unmöglichkeit ist. Als Juristin unterbrach sie als das sogenannte schwarze Schaf die Tradition der Familie. Fast alle waren Theologen. Ein spätes Abitur – 1945 wurde der Primanerin zuerst das Abitur geschenkt, weil sie am Westwall vor der holländischen Grenze mit der Schippe arbeitete – mit 25 Jahren begann das Studium; Führungs- und Organisationstalent hatten sich schon zu Schulzeiten kristallisiert. Ein halbes Jahr Fabrik, vom Vater verordnet, brachte die Berührung mit "Menschen der unteren Schicht": "Ich schlief in einem Arbeiterinnen-Wohnheim." Und schon vor dem juristischen Staatsexamen hätten Freunde für sie nur im Jugendrichteramt eine ihr gemäßigte Funktion gesehen. Doch richten wollte sie nicht.