Von Manfred Wekwerth

gibt über das Theater den folgenden Gemeinplatz: Wir wollen nicht mehr ein Theater der Abbilder durch ästhetische Mittel, sondern ein Theater, das das ästhetische Mittel überwindet und selbst zur Realität wird. Wir wollen nicht Ideologie, sondern Wirklichkeit.

Meine Antwort ist auch hier nicht Polemik, sondern Zustimmung: genau das wollen wir auch. Wir sind insofern im Vorteil, daß wir, dies wollend, nicht bereits Opfer einer falschen Ideologie sind, die annimmt, es gäbe eine Wirklichkeit ohne sie. Hier möchte ich zitieren, mit dem Hinweis, daß dieses Zitat schon der Mitte des vorigen Jahrhunderts entstammt. Sein Verfasser ist Karl Marx. Das Buch, dem es entnommen ist, heißt bezeichnenderweise "Deutsche Ideologie". Er sagt über sogenannte "Ideologie-Kritiker": "Die Menschen haben sich bisher stets falsche Vorstellungen über sich selbst gemacht, von dem, was sie sind oder sein sollen. Nach ihren Vorstellungen von Gott, von dem Normalmenschen usw. haben sie ihre Verhältnisse eingerichtet. Die Ausgeburten ihres Kopfes sind ihnen über den Kopf gewachsen. Vor ihren Geschöpfen haben sie, die Schöpfer, sich gebeugt. Befreien wir sie von den Hirngespinsten, den Ideen, den Dogmen, den eingebildeten Wesen, unter deren Joch sie verkümmern! Rebellieren wir gegen die Herrschaft der Gedanken. Lehren wir sie, diese Einbildungen mit Gedanken zu vertauschen, die dem Wesen des Menschen entsprechen, sagt der eine, sich kritisch zu ihnen zu verhalten, sagt der andere, sie sich aus dem Kopf zu schlagen, sagt der dritte. Diese unschuldigen und kindlichen Phantasien bilden den Kern der neuen Philosophie."

Es kann zunächst festgestellt werden – und das erleichtert uns die Arbeit –, solange Menschen miteinander verkehren – solange es also Geschichte gibt –, in welcher Form immer, werden sich Menschen Gedanken über sich selbst machen, die ihr Verhalten bestimmen. So etwas heißt – seit spätestens 150 Jahren – Ideologie. Wer Ideologie abschaffen will, muß zunächst den Menschen abschaffen, jedenfalls als gesellschaftliches Wesen. Es geht nicht darum, Ideologie zu haben oder keine, sondern es kommt auf die Güte der Ideologie an, dies zu wissen. Und bei einer einigermaßen stimmigen Ideologie wird man – wie es jeder Physiker heute tut – nicht nur Festkörper oder Materie zur Wirklichkeit rechnen, sondern Bewegungen auch. Oder Gedanken, was nur ein anderer Ausdruck ist. Sogar falsche. In der Trennung von Ideologie und Wirklichkeit als etwas Unversöhnlichem und in der Forderung nach Überwindung der Ideologie durch Wirklichkeit – auf das Theater übertragen: Ersetzung der Kunstmittel durch unmittelbare Realität – kulminiert die bewußte und nicht bewußte Durcheinanderwürfelung von Objekten der dargestellten Realität mit der Realität der Darstellung selbst. Und hier beginnt eine der interessantesten Fragen des zukünftigen Theaters überhaupt. Das ist die Frage: Wie wirkt Theater? Ich meine jetzt nicht so sehr die Wirkung, die von der Organisation der Inhalte und Themen (also der Fabel) ausgeht, sondern wie die Wirkung selbst organisiert ist. Wirkt Theater – wie das heute und früher oft behauptet wurde – direkt? Ohne sozialen Zwischenträger? Von Mensch zu Mensch? Gehört also zu jedem Ereignis auf der Bühne eine entsprechende Reaktion im Zuschauerraum, etwa wie zu jeder physikalischen Schwingung ein musikalischer Ton gehört? Kann also Theater – unter Ausschaltung organisierender Systeme – im Menschen eine Art Urwesen wecken? Hier schweigt die Ästhetik. Obwohl sie gerade durch solche Unternehmungen abgeschafft werden soll. Wie sich einst Brecht, um zu erfahren, was Geld ist, an Börsenmakler und schließlich an Marx wandte, wandte ich mich, um zu erfahren, was Theater ist, an Logiker. Ich möchte gleich sagen, daß es mir nicht um Gleichsetzung von Logik und Ästhetik geht, sondern um Anregungen, die von dieser rührigen Wissenschaft vom menschlichen Denken zu holen sind. Und deren sind erstaunlich viele und schöne.

Die moderne Erkenntnistheorie lehnt zunächst einmal jene hemmende mechanistische Formel ab, nach der das Denken ein unvermitteltes Abbild der Wirklichkeit ist, etwa so, daß zu jedem Objekt O ein Abbild A gehört und zu jedem O’ ein A’. Sie beschäftigt sich seit kurzem mit jenem komplizierten Apparat, den sich im Laufe von Jahrtausenden die menschliche Gesellschaft organisiert hat, um sich der Wirklichkeit zu bemächtigen. Und selbst der, der das Vorhandensein eines solchen Systems leugnet, kann es nur tun, indem er sich dieses Systems bedient. Unbewußt nämlich. Ich meine die Sprache. In ihr ist das Denken und Handeln der Menschen gegenwärtig, ja, es wird durch sie überhaupt erst denkbar und also überlieferbar, wodurch die Gesellschaft erst zur Gesellschaft werden kann. Nun wurde über die Sprache lange Zeit angenommen, sie assoziiere zu einem realen Objekt O wie ein Spiegel immer ein sprachliches Zeichen Z, das dann dem direkten Abbild A entspricht. Und dieser Vorgang wiederhole sich bei jedem neuen Objekt von neuem. Aber eines Tages machte man eine erstaunliche Entdeckung: ein Kind, welches gerade sprechen gelernt hat, bildet Sätze, die es zuvor nie gehört hat. Es muß also, sprechen lernend, nicht nur gelernt haben, Wörter Gegenständen zuzuordnen, sondern auch ein System, mit dem es selbst Sätze bilden kann. Und dieses System von Zeichen (von Schriftzeichen und Lauten, die in einer bestimmten Weise organisiert sind), schaltet sich mit einer gewissen Eigengesetzlichkeit zwischen den Menschen und die Wirklichkeit. Aber in einer seltsamen Weise. Das Zeichen und das Objekt haben zunächst nichts miteinander zu tun. Allein für sich genommen kann man dem Wort einer fremden Sprache nicht entnehmen, was es bedeutet, nicht einmal der altägyptischen Bildersprache. Man muß das System kennen (das syntaktische und semantische). Und das ist die wichtigste Entdeckung, die die Linguistik für das menschliche Denken gemacht hat: Das Denken bedient sich bestimmter Zeichen, die sich im Laufe der Geschichte mit einer gewissen Willkür gebildet haben (wissenschaftlich heißen sie Symbole), die nach einem durch die Gesellschaft geschaffenen System organisiert sind, um Sachverhalte nicht direkt, sondern nur analog abzubilden (man könnte es auch metaphorisch nennen). Ich möchte noch einmal zitieren: "Die Logik steht nicht in einem unmittelbaren, sondern nur in einem vermittelten und mehrfach übersetzten Widerspiegelungsverhältnis zur Realität. Jede Konzeption eines unmittelbaren Zusammenhangs von Logik und Realität führt notwendigerweise zu einer metaphysischen Auffassung in beiden Deutungen dieses Terminus."

Soweit Karel Berka in der "Deutschen Zeitschrift für Philosophie". Von hier aus kamen erstaunliche Überlegungen in Gang, auch andere Bereiche des menschlichen Verhaltens betreffend. Man fand zum Beispiel, daß selbst Analphabeten, an denen man so oft Stumpfheit und Intellektlosigkeit der Kreatur nachweisen wollte, in Wirklichkeit bereits über ein riesiges intellektuelles Instrumentarium verfügen, mit dem sie nicht nur in der Lage sind zu sprechen, sondern sogar nach eigener Sprachstrategie zu sprechen, indem sie unter vielen Wörtern mit ähnlicher Bedeutung bestimmte auswählen und unter vielen möglichen Sätzen einen bestimmten bilden. Jeder Sprachvorgang setzt also die Handhabung eines Systems voraus und ist eigentlich ein Immerneu-Erzeugen von Sprache, nicht nur beim Sprechen, auch beim Zuhören.