Von Stanley Kaufmann

Am 6. Juni kam ich abends gegen zehn Uhr aus einem Film und trat in die Fifth Avenue. St. Patrick’s Cathedral, gleich um die Ecke, sah aus, als ob es sich auch dort um einen Film handelte. Gewaltige Scheinwerfer erleuchteten den Vorderaufgang, und eine riesige Menschenmenge stand hinter den Absperrungen der Polizei. Es wurde kaum gesprochen. Robert Kennedys Leiche war gerade aus Kalifornien eingetroffen und in die Kathedrale gebracht worden, wo sie am nächsten Tag aufgebahrt liegen sollte.

Dieses Gefühl, immer wieder von einer Filmwelt in eine andere zu geraten, beherrscht mich seit Anfang April, seit dem Mord an Martin Luther King, und erreichte einen ersten Höhepunkt, als die Studentenrevolte an der Columbia-Universität auf brutale Polizeigewalt traf.

So habe ich seit Monaten schon immer stärker den Eindruck, einem gigantischen Drama beizuwohnen, dessen Protagonist Amerika ist, dieses Riesenland voller Möglichkeiten, voll des besten Willens, voller Irrtümer, strauchelnd bei dem Versuch, wieder Boden unter die Füße zu bekommen, den es durch kurzsichtige Dummheiten verloren hat.

Während das amerikanische Theater wie nun schon seit langem frivol oder gequält wirkt, wurde das Schauspiel amerikanischen Lebens ernsthafter, ergreifender, entscheidungsvoller.