Von Arno Hahnert

Es war 22.30 Uhr. Der Sekretär der SED-Betriebsgruppe erhob sich, um das Ergebnis der Aussprache zusammenzufassen. "Genossen, wir müssen Schluß machen, einige Genossen bekommen sonst ihren letzten Zug nach Klein-Machnow, Drewitz und Potsdam nicht mehr ..." Der Kammersaal in der Mauerstraße war von Tabakdunst erfüllt. Seit 17 Uhr hatte diese Zusammenkunft der SED-Betriebsparteiorganisation eines Ostberliner Verlages gedauert. Überall in Ostberlin und der DDR fanden in den letzten Wochen Parteigruppentagungen mit dem Thema "Die Entwicklung in der ČSSR" statt. Instrukteure der Bezirks- und Kreisleitungen der Partei referierten in Lichtenberg, Pankow und Stadtmitte über ein Thema, das sich zum Trauma der Staatspartei entwickelt hat: den Umschwung in der Tschechoslowakei.

Im Verlag in der Mauerstraße im alten Berliner Zeitungsviertel referierte ein Dozent der Bezirksparteischule: "Genossen, Revisionismus und Opportunismus greifen in Prag immer mehr um sich. Wir müssen den Dingen klar ins Auge sehen. Bürgerliches Geschwätz von Demokratisierung und Menschlichkeit, das ist die Waffe des Klassengegners. Wir kennen das von 1953 und 1956 her. Doch bei uns hat es keine Deformationen der sozialistischen Gesellschaft gegeben, wir haben keinen Personenkult in der DDR gehabt. Die Prager Genossen ziehen nur verspätet jene Maßnahmen nach, die wir bereits 1953, nach der Entlarvung und Entmachtung der Parteifeinde und Agenten Berias – Zaisser und Herrnstadt – unter Führung des Genossen Ulbricht und des marxistischen Zentralkomitees vollzogen ... In den Betrieben und Wohngruppen müssen wir die Bevölkerung warnen, die auf die Hetzsendungen des Westfernsehens und der Feindsender hereinzufallen droht! Seid euch darüber im klaren: In Prag greift immer stärker ein kleinbürgerliches Abenteurertum um sich, das die Grundlagen der sozialistischen Ordnung gefährdet!

Die Reinemachefrauen, Sekretärinnen, Redakteure, Buchhalter und Lektoren blickten sich müde und verlegen an. Manch einem sah man Unbehagen über die offensichtlichen Korrekturen der historischen Fakten an. Doch die Spannkraft nahezu aller Teilnehmer der SED-Betriebsgruppensitzung hatte erheblich nachgelassen. Das Schlußwort schien nichts Neues zu bringen. Aber Genosse M., Funktionär der Berliner Bezirksleitung, teilte noch etwas fast sensationell Anmutendes mit: –

"Während wir auf vielen Ebenen der staatlichen und gesellschaftlichen Partnerschaft jetzt sehr kurztreten, bis sich die Zustände in der ČSSR wieder im marxistischen Sinne geklärt haben, verstärken wir unsere privaten Kontakte zu den Bürgern des Nachbarlandes. Genossen, ihr werdet vom Zentralkomitee aufgefordert, verstärkt in die ČSSR einzureisen, um als Agitatoren in Prag und überall im Lande, wo ihr ansetzen könnt, für die reinen marxistischen Ideen, für das enge und unverbrüchliche Bündnis aller sozialistischen Staaten einzutreten.

Vor allem ist es unsere Klassenpflicht, der von der bürgerlichen Ideologie gefährdeten tschechoslowakischen Arbeiterklasse immer wieder die faschistische Gefahr, die vom Bonner Staat her droht, vor Augen zu halten. Erinnert bei euren Besuchen in der ČSSR daran, daß die sogenannte neue Ostpolitik des sozialdemokratischen Demagogen Willy Brandt ein übler Roßtäuschertrick ist, um die Notstandsdiktatur und die revanchistischen Forderungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft zu verschleiern. Hämmert das vor allem den jungen Menschen und den Studenten ein, mit denen ihr in Prag, Brno und sonstwo zusammentrefft. Genossen, die Einheit des sozialistischen Lagers ist in Gefahr, die Lage ist ernster, als manche glauben! Wir müssen das Bündnis mit der Sowjetunion hüten wie unseren Augapfel und werden unduldsam gegen die geringste Erscheinung des bürgerlichen Nationalismus, wie er jetzt von Prag aus auch auf manchen labilen Bürger bei uns überzugreifen droht, vorgehen ..."

Die Zusammenkunft endete kurz vor 23 Uhr. Auf den üblichen Gesang der ersten Strophe eines "kämpferischen Arbeiterliedes" verzichtete man. Vielen war anzusehen, daß ihnen nicht mehr nach Gesang und revolutionärem Pathos zumute war.