Es war merkwürdig, das diesjährige Deutsche Spring-Dressur-Fahr-Derby in Hamburg. Obwohl es von der Besetzung her seit langem wohl das schwächste war, war sein Höhepunkt, das Spring-Derby, spannend und aufregend wie lange nicht.

Die schwache Besetzung war wohl zu einem guten Teil mit der Vorbereitung vieler Reiternationen und auch einzelner deutscher Reiter auf die Olympischen Spiele von Mexiko zu erklären, wenn auch den Veranstaltern vom Norddeutschen und Flottbeker Reiterverein angesichts der glänzenden Besetzung des Aachener Turniers die Tränen kommen mußten. In Hamburg fehlten nicht nur die Engländer, die sich nicht mehr in die Karten gucken lassen wollen, und die Amerikaner, denen der ausgefallene Parcours nicht liegt, es fehlten auch die Italiener, Franzosen, Spanier, Holländer, es fehlten sämtliche Ostblockstaaten mit Ausnahme der Ungarn, die am Fahr-Derby teilnahmen und prompt, wie im Vorjahr, den Sieger stellten.

Es fehlte auch mancher deutscher Reiter wie etwa Hans-Günter Winkler, der sich offiziell damit entschuldigte, daß zwei von seinen drei Pferden lahmten, von dem man sich auf dem Derby-Platz aber unverhohlen zuflüsterte, er wolle vor Mexiko nichts mehr riskieren. Auch Dressur-Weltmeister Josef Neckermann fehlte: er sei beruflich zu stark überlastet. So hatten bei der Dressur nur ein Ausländer und drei Ausländerinnen gemeldet, die mit dem Ausgang der Prüfungen nichts zu tun hatten.

So blieb es Nelson Pessoa vorbehalten, für die Überraschung der Hamburger Derby-Tage zu sorgen. Sechs Pferde waren – wie 1959 – fehlerlos über den Parcours gekommen. Neben Pessoa, der seinen betagten Gran Geste aus dem Stall geholt hatte, Hermann Schridde mit Dozent. Hartwig Steenken mit Porta Westfalica, Lutz Merkel mit Sir hatten sich Bernd Kuwertz mit Ferrara und der Landshuter Möbelfabrikant Hans Emslander mit Passat qualifiziert, der gewiß nicht zur ersten deutschen Reitergarnitur zählt. Ausgerechnet er blieb als erster im Stechen fehlerlos, nachdem Steenken, Schridde und Kuwertz je vier Fehlerpunkte kassiert hatte. Als dann noch Merkel gar acht Fehler machte, war der Weg zu Pessoas viertem Derby-Sieg frei. Gemächlich führte er Gran Geste über die Hindernisse und blieb ohne Fehler gleich um sieben Sekunden unter der Zeit von Hans Emslander, dessen zweiter Platz sicher sein bisher größter Erfolg seiner nun sechzehnjährigen Turnierlaufbahn ist.

Trotz des guten Sports, der in Hamburg-Kleinflottbek geboten wird, müssen sich die Veranstalter etwas einfallen lassen, soll das Hamburger Turnier nicht zu einer nationalen Veranstaltung absinken. Bei der großen Dichte der internationalen Turniere werden immer mehr Länder dazu übergehen, genau abzuwägen, wo sie Chancen haben. Zwangsläufig müssen andere Turniere dann unberücksichtigt bleiben. Die schwachen Vorstellungen, die deutsche Reiter in den letzten Jahren gegeben haben – wie ein Nationenpreis aussieht, wissen wir bald nicht mehr –, zeigen wohin der Weg führt, wenn die Pferde mehr oder minder wahllos auf jedem Turnier an den Start geschickt werden.

Der ausgefallene Parcours in Hamburg mit dem großen Wall, den zwei kleinen Wällen und Pulvermanns Grab wird ein weiteres dazutun, ausländische Reiter fernzuhalten, die lieber auf dem kürzeren und modernen Parcours heutiger internationaler Turniere reiten. Vielleicht liegt die Lösung für die Hamburger Veranstalter darin, neben das Spring-Derby ein Sb-Springen zu stellen, das es auf allen anderen Turnieren auch gibt, etwa einen "Großen Preis der Hansestadt". Das würde auch Reiter nach Hamburg locken, die den Derby-Parcours scheuen.

Wolf gang Müller-Haeseler