Von Werner Höfer

Die Studenten sind nicht der Staat, und Christoph Ehmann spricht nicht für alle Studenten, aber immerhin für den Verband Deutscher Studentenschaften, dessen Vorsitzender er ist. In dieser Eigenschaft hatte er dieser Tage eine Reise unternommen, deren Vorgeschichte an die acht Jahre alt ist, deren Nachgeschichte noch nicht abzusehen ist: eine Reise nach Ostberlin.

Begleitet von dem stellvertretenden Vorsitzenden Volker Gerhard, dem Vorsitzenden des Politischen Ausschusses des VDS, Günter Dengel, und dem Leiter der politischen Abteilung, dem aus Österreich stammenden Fritz Flißar, folgte Ehmann einer Einladung des Zentralrats der FDJ. Der Einladungsbrief trug das Datum vom 6. Mai und begann mit der Anrede "Werter Herr Ehmann." Nachdem der VDS die Einladung angenommen und sich für einen der beiden Terminvorschläge entschieden hatte, wurde der Adressat im Ostberliner Bestätigungsbrief zum "sehr geehrten Herrn" aufgewertet.

Daß die Initiative zu dieser Begegnung von der anderen Seite ausging, räumt Ehmann ein – mit der Einschränkung, daß vor zwei Jahren der VDS der FDJ Vorschläge unterbreitet hatte, deren Diskussion damals verweigert wurde: ".... wegen der revanchistischen Politik der Bundesregierung sowie der fortschreitenden Refaschisierung und der Notstandsgesetzgebung in der Bundesrepublik". Die letzten Kontakte mit FDJ-Vertretern waren außerhalb Deutschlands, bald in nächster Nähe, bald in fernster Ferne, zustande gekommen: im schweizerischen Zürich und im mandschurischen Ulan Bator. Auch die nächste Begegnung wird sich auf fremdem Gebiet abspielen, am Rande der Weltjugendspiele in Sofia, falls nicht zum sommerlichen VDS-Seminar in Gießen über "Studentenschaftspolitik, gestern und heute", die Kommilitonen aus der DDR der Einladung, die sie angenommen haben, Folge leisten. Für diesen Fall würde dieses Meeting in Hessen eine Art von Gegenvisite zu dem VDS-Besuch in Ostberlin.

"Ist die FDJ überhaupt der adäquate Gesprächspartner des VDS?"

"Ja, denn die FDJ stellt die einzig politisch relevante Organisation in der DDR dar, die zwar nicht nur für Studenten, aber als einzige auch für Studenten da ist. Die bei uns übliche Vielfalt studentischer Organisationen gibt es drüben nicht."

Bei der Frage nach der Qualifikation der Gesprächspartner, denen die Bonner Quadriga in Ostberlin drei Stunden gegenübersaß, ergibt sich, daß unter den vier Gastgebern drei promovierte Herren waren, die also wohl nicht mehr als praktizierende Studenten anzusehen waren. Das Gespräch begann denn auch nicht etwa in den Niederungen studentischer Problematik, sondern auf jenen Höhen, auf denen die letzten Dinge der Deutschlandpolitik angesiedelt sind. Doch dabei brauchte man sich nicht lange aufzuhalten, weil die vier von der FDJ sich in der Annahme bestätigt sahen, daß die vier vom VDS für den Abschluß völkerrechtlich gültiger Verträge zwischen beiden deutschen Staaten und gegen eine Veränderung der heutigen Grenzen in Europa, für den Beitritt beider Staaten zum Atomwaffensperrvertrag und gegen die US-Intervention in Vietnam, für den Verzicht auf Lagerung von Kernwaffen und gegen Gewaltanwendung zwischen beiden deutschen Staaten sind.