Von Alexander Rost

Amerikanische Reporter, um starke Worte nie verlegen, haben ihn in einem Satz neben Benjamin Franklin und Leonardo da Vinci untergebracht und somit schreiben wollen, daß er ein Genie sei. Immerhin ist Olin Stephens, in Firma Sparkman & Stephens, Madison Avenue, New York, der beste Jachtkonstrukteur der Welt; und so ungenau global solcher Superlativ auch sein mag und so wenig der Kenner neben Olin Stephens die beiden anderen hochberühmten Jachtarchitekten Amerikas, William H. Tripp und Richard C. Carter, übersehen kann: Olin Stephens, der älteste in diesem Triumvirat des Reißbretts, ist jedenfalls der bei weitem erfolgreichste.

Er ist ein „egg head“, hinter dessen Hornbrille die Intelligenz nur so funkelt. Er besitzt längst kein Segelboot mehr. Seinen Urlaub verbringt er fern von der See auf einer Farm. Er kennt seinen Kafka, als wäre er Literaturspezialist, und ist ein ausgezeichneter Maler, der alles, nur nicht Jachten, konterfeit. Sechzig Jahre ist Olin Stephens alt. Er war dreiundzwanzig, als er im Transatlantik-Rennen 1931 am Ruder seiner „Dorade“ die wie aus Eichenholz gezimmerten Vorurteile erzkonservativer Seeleute vollends zum Einsturz brachte.

Zum letzten Male waren 1928 große Schoner mit Berufsskippern und „bezahlten Händen“ in einer Wettfahrt über den Ozean gesegelt. Der Dreimastschoner „Atlantic“, 56 Meter lang, war noch einmal dabei; er hatte 1905 von Sandy-Hook-Feuerschiff vor New York nach Lizard-Leuchtfeuer am Eingang zum Ärmelkanal den mittlerweile „unbrechbaren Rekord“ von 12 Tagen, 4 Stunden, 1 Minute und 19 Sekunden aufgestellt und war nun, alt geworden, von Sandy Hook nach Santander 17 Tage, 16 Stunden und 25 Minuten unterwegs. Zum ersten Male waren an diesem Transatlantik-Rennen aber auch Amateure beteiligt. In ihrer Gruppe gewann der knapp achtzehn Meter lange Zweimastschoner „Nina“, entworfen von W. Starling Burgess, dem damals bestbezahlten Konstrukteur, und Henry Gruber. Die „Nina“ traf rund fünfeinhalb Tage nach der „Atlantic“ und fast sechs Tage nach der „Elena“, der Siegerin in der Gruppe der großen Schoner, im Zielhafen ein. Damit hatte man gerechnet, denn kleine Schiffe sind eben langsamer als große. Verrechnet hatten sich freilich jene Experten, die den Amateuren und ihren kleinen Jachten alles Unheil des Nord-Mord-Atlantiks prophezeiten.

Die Gemüter hatten sich noch nicht beruhigt, als der junge Stephens mit seiner „Dorade“ aufkreuzte. Er werde, so behauptete mancher Hafen-Hiob, aus dem Long-Island-Sund gar nicht hinauskommen, und wenn, dann würde die See das Boot in Splitter schlagen. Olin Stephens nahm mit seiner leichten „Dorade“, einer 15,85 Meter langen Yawl, den schweren (aber kürzeren) nördlichen Kurs und gewann das Transatlantik-Rennen von Brenton-Riff-Feuerschiff vor Newport nach Plymouth, über 2838 Seemeilen, einer gesegelten Zeit von 17 Tagen, 1 Stunde, 14 Minuten und 40 Sekunden.

Die „Dorade“ kam so früh, daß man das überrumpelte Empfangskomitee aus den Betten holen mußte. Zwei Tage später erst machte die nächste der zehn Jachten im Hafen von Plymouth fest. Nach berechneter Zeit, unter Berücksichtigung des Handikaps gegenüber stärkeren Rivalen, hatte die „Dorade“ einen Vorsprung von mehr als drei Tagen. Nachdem sie auch im Fastnet-Rennen, Englands wichtigster Hochsee-Wettfahrt (rund um den Fastnet-Felsen vor der irischen Südwestküste), allen Konkurrenten davongelaufen war, schrieb die Londoner „Times“, die „Dorade“ sei „die wunderbarste kleine Hochseejacht, die jemals gebaut wurde“.

„Wunderbar“ durfte hier als Oberbegriff für „schön“ und zugleich auch „schnell“ verstanden sein. Was aber macht eine Jacht schön? Und was macht sie schnell?