London, im Juli

Wilsons Amtssessel ist längst zum Nagelbrett geworden. Kein Wunder, daß unter seinen Ministerkollegen die Bereitschaft, am Kabinettstisch zu sitzen, beängstigend abnimmt. Addiert man alle Ressortchefs, die den Premier im Lauf der letzten Jahre verlassen haben, so ließe sich daraus bequem eine neue Regierung bilden. Daß das nicht geschieht, hat nur einen Grund: diesem Gremium der Zurückgetretenen fehlt der Kopf. Man kann Harold Wilson kritisieren, man kann ihn verlassen, nur ersetzen läßt er sich offenbar nicht, noch nicht.

Auch der Aufstand des "kleinen Mannes" in der Partei, den der Energie- und frühere Arbeitsminister Gunter mit seinem Weggang aus dem Kabinett demonstrieren wollte, war nicht die zündende Formel, die das Unbehagen aller Flügel und Gruppierungen in der Labour-Fraktion umgreift. Die meisten Abgeordneten sind zu klug, als daß sie daran glaubten, eine "Rückbesinnung auf die ehrlichen Tage der alten Arbeiterpartei" könnte Labour aus der Misere retten. Englands Arbeiter haben noch bei keiner Wahl – auch nicht 1966, bei Wilsons Triumph – zu mehr als 70 Prozent für die Sozialisten gestimmt. Den Konservativen ist eine breite Unterstützung auf den unteren Einkommensstufen immer sicher. Will Labour gewinnen, so müssen aus der Mitte der Sozialskala zusätzliche Anhänger kommen. Aber gerade sie und die von Gunter so geschmähten Intellektuellen sind es, die jetzt wieder von Labour abwandern.

Dieser jüngste Rücktritt aus dem Kabinett verstärkt also zwar die Mißstimmung und die Resignation in der Regierungspartei, ohne zur Lösung der objektiven Schwierigkeiten irgend etwas beizutragen. Alles, was gegen Wilson ins Feld geführt wird, wirkt dialektisch: Es schadet ihm, aber es nutzt ihm auch. "Dieser Mann", sagte ein Konservativer verächtlich, "ist längst eine hohle Nuß, aber alle seine (Labour-) Widersacher haben nicht die Kraft, sie zu knacken.

Es hat lange gedauert, ehe er selbst diese grundsätzliche Schwäche seiner Opponenten begriffen hat. Alle Rücktritte und Abstimmungsrebellion im eigenen Lager schien er schweigend und fast schuldbewußt hinzunehmen. Jetzt aber hat sich Wilson entschlossen, aus der Defensive herauszutreten. Er hält wieder Kampfreden. Der Parteitag rückt näher; dort kann er nicht als Büßer auftreten. Seine Gegner konzentrieren sich auf die Neubesetzung des Postens des Generalsekretärs der Partei, sie möchten einen unbequemen Mann an der Seite des Premiers sehen.

Doch das ist nur ein Scheingefecht. Die wahre Front liegt immer noch dort, wo Englands Handelsbilanz entschieden wird und wo die Pfundabwertung nun bald ihre Wirkung tun muß oder endgültig als erfolglos abzuschreiben ist. Vilson hofft, dem Parteitag im Oktober die ersten Zeichen einer Aufwärtsentwicklung präsentieren zu können. Eine Reihe von Wirtschaftsexperten teilt diese Hoffnung, wenn auch mit gedämpfterem Optimismus. Sie würden nie so weit gehen wie der Premierminister und von einem möglichen "englischen Wirtschaftswunder" sprechen.

Wilson hat diese Vokabel in sicherer Voraussicht der "Versicherungspolice" benutzt, die unmittelbar darauf von den Zentralbankpräsidenten in Basel für das Pfund Sterling eingerichtet wurde. Zwei Milliarden Dollar sind ein ansehnliches Polster für künftige Krisenfälle. Sie entheben die britische Regierung nicht der Aufgabe, die Restriktionspolitik fortzusetzen. Aber schon das Bereitstellen eines solchen Fonds hat beruhigende Folgen. Wilson kennt auch die Ursachen der Hilfswilligkeit: Seit der Pfundabwertung hat sich die internationale Währungsszene erheblich gewandelt. Die Dollar-Schwäche und Frankreichs Wirren haben auch so selbstsicheren Währungsvätern wie den Deutschen ein neues Mitgefühl für das Pfund nahegelegt. Ob das zum Wirtschaftswunder reicht, wird man skeptisch beurteilen. Für den Premier scheint es jedoch den Versuch zu rechtfertigen, sich und seinen Landsleuten noch einmal neues Selbstvertrauen einzuflößen. Karl Heinz Wocker