FÜR Leute, die die Erkenntnis der Fragwürdigkeit dieser Welt lieber in ein bißchen böse Heiterkeit als edelverschnittenen Weltschmerz umgesetzt sehen –

"Tomi Ungerers Geheimes Skizzenbuch", Vorwort von Jonathan Miller; Diogenes Verlag, Zürich; 152 S., 24,– DM.

ES ENTHÄLT Zeichnungen, die man Karikaturen nicht nennen möchte, Notizen zum Thema Mensch, Kommentare zur Situation, gezeichnete Aphorismen.

ES GEFÄLLT, weil Ungerers erste Qualität (und dadurch weist er sich als ein wirklich großer Cartoonist aus) nicht Phantasie, sondern Scharfblick ist, weil ihm nicht (nur) Talent, sondern (auch) Verstand die Feder führt. Wenn bei Ungerer ein weibliches Wesen einen Schrank öffnet, die Bluse auszieht und dann als Dame ohne Oberleib von dannen schreitet, dann ist das kein Comic-Strip, sondern ein Stück Soziologie. Wenn die Patronenschnur, die ein Soldat durch sein MG kurbelt, aus kleinen Männchen besteht und rechts die Körper-Hülsen zu Boden fallen und vorn die Köpfe herausgeschossen kommen, dann ist das keine chiffrierte Mahnung, sondern direkte Entlarvung. Die Kombination von hartem, brutalem Strich und reflektierter, gezielter Zeitkritik lassen, nach rückwärts gesehen, gelegentlich an George Grosz denken und machen, von heute aus betrachtet, seine Originalität aus. Tomi Ungerer, Jahrgang 1931, Straßburger von Geburt und seit 1957 New Yorker aus Leidenschaft, ist in den USA ein bekannter und gefeierter Kinderbuch-Autor-Illustrator (der 1960 die Goldmedaille der Society of Illustrators bekam). Hierzulande sind seine Geschichten nie recht populär geworden – sie sind wohl zu originell, zu ausgefallen für deutsche Kindergemüter. Aber da Erwachsene sich ja immer mehr zutrauen als Kindern, sollten sie sich das "Geheime Skizzenbuch" schon zumuten – und vielleicht profitieren dann sogar noch die Kinder davon.

Petra Kipphoff