Von Hellmuth Karasek

Aus dem "Philoktet" des Sophokles hat Heiner Müller die Götter und Halbgötter vertrieben, er hat das Delphische Orakel zum Verstummen gebracht und den Chor als Stimme der Gemeinde getilgt. Das Deus-ex-machina-Ende mit dem alles zu einem heroischen Schluß wendenden Herakles kommt nicht mehr vor. Oder besser, der Gott aus der Maschine trägt jetzt einen anderen Namen, unter dem er das Stück von Anfang an beherrscht: Mit einem im Umlauf befindlichen Schlagwort hieße er Manipulation.

Überhaupt sollte man den neuen "Philoktet" durch einen bildungsbeflissenen Vergleich mit Sophokles nicht strapazieren. Der Ostberliner Dramatiker, der sich das Stück aneignet, ohne die Autorenschaft seines Athener Kollegen überhaupt ausdrücklich zu erwähnen, ist wohltuenderweise kein Wiederbeleber von Mythen, die lediglich auf die jeweilige Höhe der Zeit geschniegelt würden. Wenn er einen mythischen Vorwurf überhaupt bemüht, dann wohl deshalb, um an einer alten Fabel die Dauerhaftigkeit mythologischer Verschleierungen aufzudecken. Die Wahrheit des Stücks heißt Kriegstauglichkeit, es geht um eine Art Beschaffungsmission im Trojanischen Krieg, als dieser beginnt total zu werden.

Um sehen zu können, was Müller im Sinn hatte mit dem Stück, empfiehlt es sich, die Philoktet-Handlung in Schauspielführer-Sätze zu versimpeln. Die Vorgeschichte ist, krude genug, mit der des Sophokles weitgehend konform. Auf dem Weg nach Troja verletzte sich Philoktet den Fuß so sehr, daß der ihm zu faulen begann und er mit seinem Geschrei die Kampfmoral der Truppe herabzusetzen drohte. Also setzten ihn die Griechen, nur mit seinem unfehlbar tödlichen Bogen bewaffnet, auf der Insel Lemnos aus.

Hier beginnt die Handlung. Odysseus, listig wie eh und je, und der junge Neoptolemos kommen im Auftrag der vor Troja kämpfenden Griechen, um den Ausgesetzten einzufangen. Motiv: vor Troja braucht man inzwischen jeden Mann, und die Mannschaft des Philoktet zeigt ohne ihren Feldherren nicht mehr die rechte Kampfmoral. Der Auftrag ist schwierig, da Philoktet die Griechen seit seiner Aussetzung nur noch haßt, besonders den Odysseus, der dafür verantwortlich war. Der junge, naive Neoptolemos, der Odysseus nicht weniger haßt, weil er ihm die Rüstung seines erschlagenen Vaters vorenthielt, wird zum Werkzeug des Odysseus. Denn einerseits kann er Philoktet mit dem gemeinsamen Haß überzeugen und fangen, andererseits ist er so sehr Patriot, daß er alles tut, was der Krieg zu verlangen scheint – und daher auch seine Rache gegen Odysseus bis nach dem Endsieg aufzuschieben vermag.

Das ist die interessanteste Seite des neuen Philoktet: wie die Unschuld des Neoptolemos zum stets brauchbaren Werkzeug gegen den Philoktet wird. Selbst Skrupel lassen sich da manipulieren. Als nämlich der Junge, von Scham geplagt, dem Helden den Bogen zurückgibt, den er ihm abgelistet hat, muß er Philoktet auch hinterrücks erstechen, denn der bedroht den Odysseus, der alle Kriegsnotwendigkeit auf seiner Seite hat. Gerade der Tod des Philoktet aber kommt den Griechen auch noch zugute. Odysseus schlägt aus der Leiche propagandistischen Gewinn: Er wird sie zur Schlacht um Troja schleppen lassen, sie als ein Opfer hinterlistiger Trojaner zurechtschminken, so daß noch der Leichnam als aufputschende Durchhalte-Parole taugt.

So gesehen, hat Müllers Stück mindestens zwei absurde Helden. Philoktet, dessen Haß auf die Griechen noch im sinnlosen Tod und Widerstand den Griechen Nutzen bringt. Und Neoptolemos, dessen moralische Skrupel genau die Ergebnisse der erwünschten Skrupellosigkeit zeitigen.