Baden-Baden

Geschehen war dieses: Der rotbärtige Gymnasiast Günther Degler hatte zu Jahresbeginn unversehens die Revolution in die Mauern der verschlafenen badischen Kurstadt gebracht. Rudi Dutschke und SDS-Mann Günther Amendt animierten die Jugend vor den verschreckten Bürgern zum Kampf gegen Establishment und das greise Baden-Badener Stadtoberhaupt Ernst Schlapper, 80 Jahre, der den erbetenen Kurhaussaal vor den Rebellen durch Bereitschaftspolizei versperren ließ. Jetzt will sich der Stuttgarter Landtag mit dem linksgedrillten Gymnasiasten beschäftigen. Gymnasium-Leiter Hermann Steidel hat Schüler Degler für die Dauer von vier Wochen von der Schule gefeuert. Die FDP-Landtagsabgeordneten wollen wissen, ob dies auch rechtens ist.

Noch ehe SDS und Republikaner richtig rebellierten, hatte der 19jährige Baden-Badener Pennäler Degler die Revolution nach Süddeutschland gebracht. Degler war lange Zeit Nr. 1 im Markgraf-Ludwig-Gymnasium und Lieblingsschüler seines Rektors. Steidel war von Deglers Geistesgaben derart angetan, daß er den Musterschüler eine Klasse überspringen ließ. Dann aber entdeckte der Star-Pennäler das anstößige Establishment. Er umgab sich mit einem Kommunarden-Image und brachte mit Bart, Nickelbrille und buntkarierter Mütze Teufel-Flair in die Roulette-Residenz.

Nach Dutschkes Auftritt vor dem Kurhaus blieb der Rotbärtige am Schalter der Rebellion. Seiner Initiative ist die Bildung einer unabhängigen Schüler-Gemeinschaft zu danken, die sich zusammen mit einem schnell geschaffenen republikanischen Klub in Westentaschen-Revolution übte. Das gab Ärger. Als der rührige Degler die erste Nummer seiner Schülerzeitschrift "Ça ira" herausgab, wurde diese beschlagnahmt. Stadtvater Schlapper fühlte sich geschmäht, der seit Jahresbeginn unter heftigen linken Breitseiten liegt. Kaum hatte er sich gegen die Bemerkung der respektlosen Freiburger Studentenzeitung gewehrt, er sei ein "lebendes Stadtfossil", erblickte er in "Ça ira" sein Konterfei auf einer Skelettdarstellung. Schlapper erwirkte eine einstweilige Verfügung. Die Degler-Mannen gingen auf die Straße. Aber nicht, um zu streiken, sondern um die Gerichtskosten auf dem Kollektenwege einzutreiben.

Den respektlosen "roten Günther" aber ließ Oberstudiendirektor Steidel von der Schule verbannen. Begründung: Degler sei der Rädelsführer eines Schülerstreiks gegen die Notstandsgesetze. Die erzwungene Schulabstinenz des jugendlichen Parade-Rebellen brachte den republikanischen Klub in Baden-Baden auf die Barrikaden, der beim Stuttgarter Kultusminister, Professor Hahn, intervenierte. Der befristete Hinauswurf Deglers aber erregte auch die Freien Demokraten, die sich über dieses Thema im Landtag auslassen wollen. Die kurstädtischen Republikaner aber bleiben kalt: "Wir werden auch in Zukunft dafür sorgen, daß man in Baden-Baden nicht beim Dornröschenschlaf bleibt."