Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Juli

Maurice Couve de Murville ist, um die Klischees aufzuzählen, die sein Bild in der Öffentlichkeit geformt haben, "der englischste aller französischen Diplomaten", "der Bevollmächtigte der Krone", "der schonendste Interpret des gaullistischen Willens". Er ist auch "der Eisblock", von dem folgende Legende kursiert: Chruschtschow habe sich eines Tages gegenüber de Gaulle gerühmt, er könne Gromyko den Auftrag geben, sich auf einen Eisblock zu setzen. Sein Außenminister bleibe sitzen, bis das Eis unter ihm geschmolzen sei. Der General habe erwidert: "bei Couve schmilzt das Eis nicht".

Über das schmale Gesicht mit den traurigen Augen und der zerfurchten Stirn unter dem gewellten, angegrauten Haar geht öfter als man es erwartet, ein verhaltenes Lachen. Er ist entspannt. Alles was er sagt, klingt einfach. Er ist ein vollendetes Produkt der großen französischen Schulen; auf ihnen lernt man, Wesentliches schnell zu erkennen und druckreif zu formulieren. Couve, wie er noch einfach hieß, als er zur Schule ging und wie man ihn vereinfachend auch jetzt noch nennt, wenn man von ihm, nicht mit ihm spricht – Couve verwendet in seinen knappen Worten nicht nur Druckreifes. Kurz und bündig nennt er die Dinge beim Namen – und er schreckt vor keinem Wort zurück.

Die Sparsamkeit des Ausdrucks war immer ein Kennzeichen des Amtes am Quai d’Orsay, an dessen Spitze Couve de Murville zehn Jahre verbrachte. Er hat es noch schärfer ausgeprägt. Er war hier unbestrittener Hausherr. Pünktlich saß er um 9.15 Uhr und um 15.00 Uhr an seinem Schreibtisch, las oft bis in die Nacht den ganzen Telegrammverkehr mit den Botschaftern, kannte alle wichtigen Akten. Und da er morgens meist schlechter Laune war, am Nachmittag aber auflebte, war das ganze Haus am Nachmittag leichter ansprechbar als am Vormittag. Am Willen, sich durchzusetzen, fehlt es ihm nicht. Man spürt hinter der entspannten Geste die Nervosität. Seine Mitarbeiter wissen: erst wenn die Arbeit getan ist, sieht man ihn wirklich gelöst. Solange ist vieles an seiner souveränen Ruhe nur Selbstbeherrschung.

Über den Privatmann Couve de Murville weiß man, daß er das Golfspiel aus Passion betreibt – und aus dem Bedürfnis nach frischer Luft. Man sieht ihn zuweilen vor einem Kino in der Schlange stehen. Und er ist ein Hundenarr. Er liebt braune Dackel. Einem gab er den Namen Xenophon – zur Erinnerung an das Schwerste der vielen erfolgreichen Examen seines Herrn: das philosophische Staatsexamen. Ihm folgte der Doktor der Rechte, und dann, als Krönung der Ausbildung für den höheren Staatsdienst, der "Inspecteur des finances". 1932 heiratete er, der Protestant, als hoher Beamter des Finanzministeriums, die Tochter eines protestantischen elsässischen Bankhauses, Jacqueline Schweißguth. Von den beiden Karrieren, die in den einflußreichen protestantischen Familien Frankreichs zählen, Finanzen und Diplomatie, schien ihm der Weg zum großen Finanzmann vorbestimmt.

Der Krieg und die Amerikaner brachten ihn zur Diplomatie in Algier, wo er zu den "Freien Franzosen" stieß, nachdem er zunächst den Außenhandel des Marschalls Pétain verwaltet hatte. Er fuhr zur Resistance im Schlafwagen. Das Mißtrauen der Amerikaner hinderte ihn an der Übernahme des Finanzressorts im Befreiungskomitee von Algier. Zum Trost erhielt er den französischen Platz in der Vier-Mächte-Kontrollbehörde Italiens. Er wurde dann erster französischer Nachkriegsbotschafter in Rom, politischer Direktor am Quai d’Orsay und später Botschafter in Kairo, Washington und Bonn. Am 30. Mai 1958 erreichte ihn beim Golfspiel – "beim zwölften Loch", wie er sich erinnert – die Aufforderung nach Paris zu kommen, wo Charles de Gaulle, gerade an die Macht gelangt, einen Außenminister suchte.