Die Verschiedenheit dieser beiden sagt manches über die britische Avantgarde und ihre wiedergewonnene, wenn auch noch leicht amateurhaft wirkende Aktivität aus.

Das ICA, von Sir Ronald Penrose gegründet, hat jahrelang dahinvegetiert mit seinen weniger als 1000 Mitgliedern. In einer abgelegenen West-End-Galerie wurden Vorträge gehalten und drängelten sich die Ausstellungen. Vor zwei Jahren nun wurde daran interessierten Organisationen angeboten, sich um die Übernahme einer eleganten, von Nash erbauten und restaurierten Villa zu bewerben, die genau gegenüber dem St. James’s Park und genau in der Mitte des Tummelplatzes des britischen Establishments liegt. Die Royal Air Force wollte das Gebäude zu Museumszwecken übernehmen, und noch vor fünf Jahren hätte sie es bekommen. Lord Perth und die Königliche Kommission jedoch, die Besitzer, sprachen es einer Gruppe von Kunst- und Design-Gesellschaften zu, von denen das ICA das namhafteste Mitglied ist. Wie ein Kommentator unfreundlich sagte: "In Ermangelung eines Empires wendet sich das Establishment, das immer weiß, wann es auf einer guten Fährte ist, der Kunst zu."

Die daraus resultierenden Kontraste sind, um es milde auszudrücken, pikant. Das ICA brauchte selbstverständlich eine Bar und mußte sich an eine Behörde wenden, die "Board of the Green Cloth" heißt, im St. James’s Palast sitzt und seit 175 Jahren keine Genehmigung mehr für den Ausschank von alkoholischen Getränken erteilt hatte. Und die Veranstaltungen, die das ICA gerade jetzt organisiert, sind auch nicht gerade Manifestationen der vornehmen Lebensweise. Als ich kürzlich abends dort war, zeigte Carolee Schneemann, die amerikanische Produzentin von Untergrund-Filmen, ihren Streifen "Verschmelzungen", eine liebevolle, farbenprächtige, atemberaubende und unumwundene Feier sexueller Vereinigung, ein Film, der sie drei Jahre kostete. Davor gab’s ein Happening zum Angewöhnen: Sie zog sich aus, gab einem geschniegelten jungen Mann Anweisung, sie kräftig mit einem Malerpinsel zu bearbeiten, und ermunterte dann, in zerfetztes Papier eingewickelt, das Publikum, ein gleiches zu tun. Zwei junge Männer taten’s.

Am nächsten Morgen legte der Direktor des ICA, Michael Kustow, Wert darauf festzustellen, daß dieses nur eine einmalige Neben-Veranstaltung war. Und natürlich war es das – mit Ausnahme von Veranstaltungen wie der ICA-Eröffnungsausstellung in diesem Frühjahr. Von Robert Melville und Mario Amaya unter dem Titel "Das verfolgte Bild" arrangiert, waren hier nach dem Muster des, wie Amaya sagte, "surrealistischen Risikos" einige der modernsten und aufregendsten Versuche, das Bild des Menschen zu erfassen, zusammengetragen. Aber die Ausstellung spekulierte auch mit den "emotionalen Extravaganzen": Paul Theks "Tod eines Hippie", Bruce Laceys "Institution", Colin Selfs Hiroshima-Todesfall, Bruce Conners sich in seine Bestandteile auflösender Gegenstand auf einem verrotteten Sofa, sie waren dazu da, zu provozieren.

Der Verantwortliche für all dies, Michael Kustow, ein 28jähriger Sohn jüdischer Emigranten, wurde in diese Stellung berufen, nachdem der erste Kandidat für den Direktorenposten, der Zoologe Desmond Morris, mit seinem ethnologischen Buch "Der nackte Affe" so viel Geld gemacht hatte, daß er, um der Steuer zu entgehen, ins Ausland fliehen mußte. Kustow selber ist in erster Linie ein Theater-Mann (er hat unter Peter Hall bei der "Royal Shakespeare Company" am Aldwych-Theater und mit Planchons "Théâtre Populaire" in Lyon gearbeitet) und meint, daß Theateraufführungen mit einem teilnehmenden Publikum entscheidend wichtig sind, nicht nur hinsichtlich einer größeren Popularität des ICA, sondern auch in Anbetracht der neuen Richtungen, die die anderen Künste nehmen: "Maler sehen sich denselben Fragen gegenüber wie Schauspieler. Wenn eine Op-Malerin wie Bridget Riley eine Form gestaltet, die, aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, plötzlidi in einen größeren Zusammenhang gerät, dann ist das so ähnlich, wie wenn ein Schauspieler eine Geste macht, die hängenbleibt und tiefer geht. Was ich hier vor allem machen möchte, ist eine sichtbare Präsentierung der Zeit. Einige Formen der neuen Kunst sind nur durch Darstellung in der Zeit zu begreifen."

Kustow hat seine Kritiker, die mit einigem Recht behaupten, daß das ICA jetzt so superfortschrittlich sei, daß es, solange etwas nur neu ist, die Frage nach der Qualität einfach übergeht. Aber um weitermachen zu können, braucht Kustow schnell viele Mitglieder (sein Ziel sind 10 000 innerhalb des ersten Jahres), und künstlerisch hofft er auch, daß schnell arrangierte, das ganze Spektrum von Pop-Gruppen bis zu Dichterlesungen einschließende Veranstaltungen doch, wie sich vielleicht später herausstellen wird, der Kunst neues Terrain erobern werden.

Das "Arts Laboratory", in einem alten Lagerhaus untergebracht, dessen Umwandlung für künstlerische Zwecke nie ganz vollendet zu sein scheint, ist ein gänzlich anderes Unternehmen. Jim Haynes, ein braun gebrannter, bärtiger Amerikaner, der während der letzten zehn Jahre ein Ein-Mann-Unternehmen britischer Avantgarde darstellte, ist der Chef. Er begann in Edinburgh, wo er einen Bücherladen eröffnete, um amerikanische Paperbacks für Intellektuelle zu verkaufen. In London eröffnete und schloß er bereits ein anderes kleines Theater, half bei der Herausgabe der "International Times" (eine Hippie-Wochenzeitung) und eröffnete das "Arts Laboratory". Michael Kustow nennt es einen "Mutterschoß". Es ist ein Platz, wo Zeit bedeutungslos ist, denn seine Stammkunden sind meistens in dem glücklichen Alter zwischen 18 und 22, wo man es ablehnt, sich von Terminkalendern, Pressedaten oder Premierengehabe beeindrucken zu lassen. Aufführungen dürfen jederzeit durch "Happenings" unterbrochen werden. Eine der charakteristischsten Veranstaltungen dieses Jahres waren vielleicht die beiden Vorstellungen, die der Pianist Robert Toop mit Erik Saties "Vexations", einem erbarmungslosen Wiederholungsspiel, das 25 Stunden dauert, gab. Die zweite Vorführung dauerte noch länger, weil der Pianist der Ansicht war, er hätte die erste durch zu große Eile ruiniert.