Zu den wirklich reizvollen und lohnenden Auf gaben, gerade in unserer Zeit, gehört das Entlarven. Beim Entlarven geht es vornehmlich darum, die wahren Absichten des Gegners zu enthüllen und ihn so womöglich bloßzustellen. Es gibt da auch besonders hartnäckige Gegner, bei denen bleibt meist nichts anderes übrig als ihnen, wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet, kurzerhand die Maske vom Gesicht zu reißen. Was wir dann vor uns haben, das sind die eigentlichen Drahtzieher, die auch oft mit den eigentlichen Hintermännern in einen Topf geworfen werden.

Wie so manches in unseren Tagen, so ist auch das Entlarven mehr oder weniger eine Sache für Spezialisten geworden. Da gab es zum Beispiel eine Sparte bei uns, die befaßte sich vornehmlich mit der Entlarvung des Weltjudentums. Die Juden, das stellte man dabei fest, hatten nichts Besseres im Sinn, als die Weltherrschaft über die Nicht-Juden zu erringen, woran man sie natürlich mit allen Mitteln hindern mußte. Das war aber ziemlich schwierig, weil sie gerade Meister der Tarnung waren. Es gab Juden bei den Liberalen, bei den Marxisten und bei den Kapitalisten – aber das war natürlich nur ein ausgeklügeltes Spiel mit verteilten Rollen, durch das man sich nicht täuschen lassen durfte; man mußte es vielmehr entlarven.

Besonders eng verbunden waren die Juden mit dem Bolschewismus, mit dessen Hilfe sie offenbar die Weltherrschaft erobern wollten. Davon hört man aber weniger, seit China eine Weltmacht geworden ist. Gegen Mao läßt sich manches sagen, aber das er besonders jüdisch aussieht, habe ich selbst von eingefleischten Antisemiten nicht zu hören bekommen.

So bleibt nur die Entlarvung des Weltbolschewismus, die ja auf eine schöne Tradition zurückblicken kann. Aber dabei erleben die Entlarver immer weniger Freude. Seit dem Abfall Titos fällt es Leuten immer schwerer noch an eine bolschewistische Weltverschwörung zu glauben, da sich ja die Verschwörer immer wieder gegeneinander verschwören.

Während es außer Mode gekommen ist, die geheimen Machenschaften der katholischen Kirche und des Vatikans zu entlarven, erlebt die Entlarvung des Kapitalismus eine Neo-Blütezeit. Allerdings: früher, als der Kapitalismus sich gar nicht erst die kostspielige Mühe machte, sich zu tarnen, da war seine Entlarvung als Herrschaft und Ausbeutung geradezu ein Kinderspiel. Inzwischen hat er aber seine Herrschaft und Ausbeutung so verfeinert, daß die Ausgebeuteten und Beherrschten es nicht einmal mehr merken, und erst von anderen, die das richtige Bewußtsein haben, darauf aufmerksam gemacht werden müssen.

Diese Aufgabe hat mit Fleiß und Ingrimm unsere "Junge Linke" übernommen. Durch ihre Aktionen will sie unseren Liberalismus als Schein entlarven, hinter dem sich der alte, kalte Kapitalismus verbirgt, und damit natürlich auch der Faschismus, oder wenigstens seine Prä-Form.

"Könnte es aber nicht sein, daß ihr mit euren Entlarvungs-Methoden unsere Bürger so verängstigt, daß wir gerade dadurch eines Tages einen faschistischen Staat bekommen?" fragte ich neulich P., meinen Freund beim SDS.