Wieder einmal versteht es Charles de Gaulle, seiner Umwelt Rätsel aufzugeben. Die Entlassung von Pompidou schien anzudeuten, daß der General zu einer radikalen Sozialreform entschlossen ist. Die Zusammensetzung der Ministerliste aber läßt keine Zugeständnisse an den linken Flügel der Gaullisten erkennen. Und der neue Premier hat sich beeilt, eine weiche Politik anzukündigen: Couve versprach den besorgten Unternehmern, Reformen würden nur "in Etappen" verwirklicht.

Welchen Kurs also wird de Gaulle steuern, um den vagen Begriff der Participation mit Leben zu erfüllen? Wahrscheinlich wird Frankreich in den nächsten Monaten wieder mit einsamen Entschlüssen konfrontiert werden, eine "Revolution von ganz oben" erleben – oder zumindest das, was der General unter einer Revolution versteht.

Wenn man den Informationen aus Paris glauben darf, die sich mehr auf Vermutungen als auf Fakten stützen, sollen "Arbeit und Kapital" gleichberechtigte Träger der Unternehmen werden. Vorgesehen ist offenbar, daß sich die Arbeiter wie die Eigentümer in einer Gesellschaft organisieren und dann von den Delegierten beider Gruppen das Management gewählt wird. Der Gewinn des Unternehmens soll je zur Hälfte geteilt werden, wobei die Eigentümer vorab eine "angemessene" Verzinsung des von ihnen eingesetzten Kapitals erhalten dürfen.

Viele Fragen drängen sich auf. Warum will de Gaulle eine komplizierte Konstruktion schaffen, statt wie etwa in den USA oder der Bundesrepublik die Arbeitnehmer direkt zu Eigentümern zu machen? Wann soll eigentlich der französische Arbeiter über seinen "Besitz" frei verfügen können? Wie soll die französische Wirtschaft neues Kapital erhalten, wenn die Rentabilität mit einem Schlag so drastisch vermindert wird? Analyse und Kritik der Participation aber sind wenig sinnvoll, solange keine präzisen Vorschläge vorliegen.

Wichtiger ist etwas anderes: Frankreich befindet sich wirtschaftlich in einer Lage, die alles andere angeraten erscheinen läßt als gewagte gesellschaftspolitische Experimente. Der Goldschatz des Landes, Jahre hindurch Symbol des Erfolges gaullistischer Wirtschaftspolitik, schmilzt zusammen, der Franc wird nur durch Milliardenkredit und Devisenbewirtschaftung gestützt, die Arbeitslosigkeit wächst und im Herbst droht eine Springflut von Preissteigerungen. Gewiß sind Veränderungen notwendig, um verkrustete partriarchalisch-zünftlerischen Strukturen aufzubrechen. Aber was Frankreich braucht, ist eine Reform hin zum Kapitalismus, zu scharfem Wettbewerb, hohen Profiten in Wachstumsbranchen und vielen Konkursen im Kleingewerbe, zu Mobilität von Kapital und Arbeit, zu Massenproduktion und Volkskapitalismus.

Der 78jährige General, der sein Leben lang nur Verachtung für die Intendantur gezeigt hat, ist freilich kaum der richtige Mann, um eine solche "vernünftige Revolution" einzuleiten. Es bleibt die Hoffnung, daß kühle Technokraten, daß Männer wie Couve und Ortoli romantische Experimente zu verhindern wissen. Denn ein längeres ökonomisches Siechtum des politisch führenden Landes der EWG würde die Entwicklung in Europa um Jahre zurückwerfen. Diether Stolze