Über die vierte, die "imaginäre" Wand des Theaters ist in modernistischen Kunstgesprächen seit Jahrzehnten viel geredet worden. Jetzt, da sie an manchen Stellen porös, wenn nicht brüchig wird – allerdings anders, als es sich Illusionisten der Illusion und solche der Nichtillusion träumen ließen –, jetzt am Ende dieser Spielzeit ist denkbar, daß mancher an der Theaterverantwortung schwer Tragende mit einiger Erleichterung die Ferien kommen sieht.

Denn an vielen Stellen wird Ernst gemacht mit dem Niederreißen der Rampe. Und die da kräftig mitreißen, berufen sich weder auf Pirandello noch auf Happening-Theorien, wenn sie aus dem Stegreif spielen, sondern führen das Schlagwort von der Demokratisierung des Theaters im Munde – so als wären sie durch die Studentenunruhen kräftig infiziert worden.

In Berlin an der Freien Volksbühne geschah folgendes: Zuschauer protestierten lautstark gegen eine Inszenierung. Die Schauspieler, die zunächst ihren vertraglichen Verpflichtungen nachkommen mußten und wollten, baten das Publikum, die Vorstellung bis zum Ende zu ertragen und anschließend zu diskutieren.

Das geschah. Und nun passierte das Ungewöhnliche. Die Schauspieler solidarisierten sich mit dem Publikum und betonten in einer Stellungnahme, daß sie mit der Kritik aus dem Publikum übereinstimmten. Diese Inszenierung, so heißt es in der Stellungnahme der Akteure, sei kein Sonderfall. Sie sei exemplarisch für die verschleiernde Funktion des Theaters in dieser Gesellschaft.

Auch eine Begründung dafür, warum sie das Stück dennoch gespielt hätten, gaben die Schauspieler. Sie könnten ihrem Beruf nur innerhalb des bestehenden Theaterapparates nachgehen, der ihnen ein Mitspracherecht an einer Inszenierung bisher nicht gewährt.

Es ist in diesem Zusammenhang gar nicht so schrecklich wichtig, daß sich der gemeinsame Protest von Publikum und Spielern an Peter Zadeks Inszenierung von Bonds "Gerettet" entzündete. Daß im Werkraumtheater der Münchner Kammerspiele nach Peter Steins Inszenierung des "Viet Nam Diskurs" von Peter Weiss sich auch so etwas wie eine spontane Kampfgemeinschaft zwischen Zuschauern und Akteuren herstellte, hängt da schon deutlicher mit dem Stück zusammen. Stein hatte, wie Urs Jenny in der ZEIT berichtete, das Stück auf die Agitation zurückfunktioniert. Im Zuge dieser polemisch-politischen Verschärfung hatte Wolfgang Neuss das Publikum zu einer Spendenaktion für den Vietcong aufgefordert.

Das durfte natürlich nicht sein. So begann schon bald eine der Vorstellungen mit beträchtlicher Verspätung. Man machte auf "Straftatbestände" aufmerksam, der Intendant meinte, er habe Neussens Aufruf gestattet, weil er ihn als "unverbindliche Floskel" aufgefaßt habe. Der Verwaltungsdirektor ließ den Schauspielern einen Brief zustellen, der auf Weisung und Untersagung abgestimmt war.