Von Manfred Sack

In der Summierung wirkt es wie ein entsetzliches Schlaraffenland für Warte des Volkes, unanständig, schamlos, schlüpfrig, unsittlich, unzüchtig:

Homosexuelle beiderlei Geschlechts, die (sittsam) miteinander leben; ein siebzigjähriger (glücklich verheirateter) Gummifetischist, der sich vor dem Spiegel, in der Badewanne, auf der Gartentreppe filmt; eine junge Frau und ein junger Mann, die masturbieren; ein Paar, das vor der Kamera koitiert; eine Prostituierte, die einen Kunden bedient und die beide nach dem Vollzug auf Fragen nach dem Warum, Wie, Was-denkstdu-dir-dabei antworten; ein Triebtäter, der sich als sympathischer Junge entpuppt; schwangere Schülerinnen, die auf ihre Zukunft vorbereitet werden; Frau Uhse, die nicht nur um Hilfsmittel, sondern um Rat gebeten wird und "den Menschen hilft, weil ihnen die Gesellschaft nicht hilft"; eine Fabrik, die Präservative herstellt, sowie zwei Theologen verschiedener Konfession, zwei Sexualwissenschaftler, ein Psychiater, ein Psychologe ...

All dies soll, sofern die Filmbewertungsstelle begreift, worum es geht, und die Schere zügelt, in den nächsten Wochen im Kino zu besichtigen sein, abends, anderthalb Stunden lang: ein Film, der fast alles zeigt, der gleichwohl nichts weniger ist als obszön. Er will weder mit freimütigen Streifen wie "Ich bin neugierig" noch mit Lehrfilm-Spielfilm-Unternehmen wie "Helga" konkurrieren noch mit gezuckerten Aufklärungs- und Anleitungsversuchen à la Kolle. Er ist ein "Dokumentarfilm zur Sexualität im Menschen", hergestellt mit wissenschaftlicher Redlichkeit und mit einiger Courage.

Sein Titel heißt "Du". Darüber zu feixen, wäre ein bißchen zu einfach, wenn man bedenkt, daß nicht nur diejenigen den Film sehen sollen, die es sowieso schon (zu) wissen (glauben), und daß das Personalpronomen in diesem Falle tatsächlich die Realität wiedergibt – selbst bei der Liebe "an und für sich".

Die Autoren des Filmes sind Professor Wolfgang Hochheimer, Leiter des Instituts für Pädagogische Psychologie in Berlin, Professor Hans Giese, Leiter des Instituts für Sexualforschung in Hamburg, und der Journalist Gerhard Zenkel. Worum es ihnen geht, haben sie so formuliert:

Der Film dokumentiert Wege und Schicksale menschlicher Sexualität, er diskutiert ihre gesellschaftlichen Wertungen und ihre Kommerzialisierung, er zeigt die Folgen unterdrückender Trieberziehung und demonstriert kritisch, was als Sexualleben praktiziert wird. Der Film gibt ferner Einblicke in wissenschaftliche Untersuchungen, er klärt Vorurteile auf und begründet. die Notwendigkeit, sexuelle Tabus abzubauen; er plädiert für eine radikale Reform des Sittenstrafrechts, um Triebverhalten zu normalisieren, und verteidigt das natürliche Recht des Menschen auf Freude und Lust. Kurz: er will aufklärerisch, pädagogisch, sozialkritisch wirken.