Von Hansjakob Stehle

Auch der Nervenkrieg gegen Prag findet im Saale statt – an Konferenz- und Schreibtischen. Als sich am Wochenanfang die widerspruchsvollen Meldungen aus der Tschechoslowakei über Rückmarsch, Stillstand oder Aufmarsch sowjetischer "Schutztruppen" jagten und die – von ursprünglich acht auf fünf Partner geschrumpfte – Gipfelkonferenz des östlichen Militärpakts außer einem wortkargen Kommuniqué nur einen dramatischen Brief an die Genossen der KPČ unterzeichnete, da schrieb eine Prager Zeitung: Eigentlich sei die Tschechoslowakei "eine Oase der Ruhe im stürmischen Europa". Und das war gar nicht ironisch gemeint. Ein westlicher Korrespondent, der am gleichen Montag das Land von seinem östlichen Teil bis nach Prag durchquerte, begegnete auf seiner 600 Kilometer langen Reise überall nur friedlich arbeitenden Zivilisten. Einmal sah er au’ch eine Gruppe von Sowjetsoldaten, die ohne Eile Telephondrähte aufwickelten – wie ein Symbol jener sowjetischen Taktik, die sich der Folgen des neuen Prager Kurses mit allen möglichen Mitteln zu erwehren sucht. Sie verraten etwas von der Ohnmacht, die selbst Großmächte gelegentlich heimsuchen kann.

Die Weigerung des Prager Parteichefs Dubček, sich an dem Warschauer Treffen zu beteiligen, das zu einem Scherbengericht über ihn selbst werden konnte, stellte die "Gipfel"-Partner vor das Dilemma, entweder über ein abwesendes Bruderland den Stab zu brechen oder aber ohne wirkliche Entschlüsse auseinanderzugehen. Daß die Rumnä wie etwas Selbstverständliches ihre Abwesenheit demonstrierten, vertiefte diese Verlegenheit.

Nicht minder wirksam aber war die ziemlich unerwartete, wenn auch vorsichtige Schwenkung des ungarischen Parteichefs Kadar: Er hatte am Tage vor seiner Reise nach Warschau seinem Außenminister Peter gute Wünsche nach Prag senden und von der Zuversicht sprechen lassen, "daß die inneren Vorgänge in der Tschechoslowakei am Ende das Ansehen des sozialistischen Weltsystems erhöhen". Der Chefredakteur des Budapester Parteiorgans "Nepszabadsag" hatte sogar in einer Parlamentsrede am 12. Juli die Parallele zwischen der Prager Entwicklung und den ungarischen Ereignissen des Jahres. 1956, die von der "Prawda" am 11. Juli drohend heraufbeschworen war, rundweg abgeleugnet: In der ČSSR gebe es "keine Konterrevolution, sondern einen komplizierten und schweren Kampf für die Erneuerung des Sozialismus".

Schließlich konnte Kadar, der sich als Gastgeber und Motor der Budapester Vorgespräche für eine kommunistische Weltkonferenz Verdienste erworben hat, ein wirksames Argument auf den Warschauer Tisch legen: Was würde aus der für den Herbst festgelegten Moskauer Weltkonferenz werden, wenn es jetzt zum Bruch mit Prag oder gar zu einer Strafaktion gegen das unbotmäßige Bruderland kommen würde? Würde dann nicht die ohnehin brüchige "Aktionseinheit" der rechtgläubigen europäischen Kommunisten in Rauch aufgehen, ihr Kredit im Westen, aber auch bei den Progressiven Afrikas und Asiens weiter sinken und den sozialistischen Ketzern vom Schlage Titos und Ceaucescus zufallen?

Es war gewiß berechnet, daß sich Tito eine Zeitung seines Kairoer Freundes Nasser aussuchte, um am Tage des Beginns der Warschauer Fünfer-Konferenz unverblümt vor einer sowjetischen Intervention in der Tschechoslowakei zu warnen. Zu gleicher Zeit machten sich der französische KP-Chef Waldeck-Rochet und die führenden italienischen KP-Funktionäre Pajetta und Galuzzi auf den Weg nach Moskau, um die Prager Genossen vor den Scharfmachern im sowjetischen ZK in Schutz zu nehmen.

All das hat dazu geführt, daß sich die Warschauer Rumpf-Konferenz nicht zu einem Kraftakt aufschwang, sondern es bei dem Versuch beließ, mit den Prager Kommunisten ins Gespräch zu kommen, so wie es Dubček gegenwärtig vorsieht: zweiseitige Gespräche. Der Mangel an klarer Entschlossenheit, der sich auch in den vagen Formulierungen des Warschauer Kommuniques spiegelte, ermöglichte jedoch gleichzeitig dem harten Flügel in Moskau – zumal den Militärs, die in strategischen Kategorien denken – die "Politik der kleinen Stärke", die vor allem mit angedeuteten Pressionen arbeitet, fortzusetzen.