Von Otto Hahn

Otto Hahn ist Kunstkritiker der französischen Wochenzeitung "Express".

Kassel, Venedig, Mailand, Paris – überall entwickelt sich der Streit um die Kunst, aber die seit langem vorbereiteten Ausstellungen finden statt, als sei überhaupt nichts geschehen. In diesem Rahmen, in dem man sie nun einmal sehen muß, nimmt sich die documenta wie eine Oase des Friedens aus, wo sich die verschiedenen – Kunstrichtungen (trotz recht willkürlicher Dosierungen) miteinander messen.

Dieser Anblick musealer Kultur hat etwas Anachronistisches. Liegt es daran, daß die am meisten vertretene Richtung die von dem amerikanischen Kritiker Clement Greenberg so geschätzte Post Painterly Abstraction ist? Diese Schule, die sich vorwiegend mit großflächiger, einfarbiger Malerei befaßt, hält sich bereits seit 1960, historisch gesehen ist sie ein paar Jahre älter als die Pop-Art.

Bei der Bildhauerei treffen wir vor allem auf Werke im englischen Stil (wunderliche Freiheit innerhalb einer geometrischen Struktur) und auf das, was er in Europa und Amerika hervorgebracht hat.

Sind einem diese Dinge einmal klargeworden, so begreift man unschwer den Sinn der documenta und ihr Bestreben, einer großen Tradition der Malerei wieder Geltung zu verschaffen. Die Pop-Art ist auf einige Meister beschränkt: Rauschenberg, Johns, Warhol, Lichtenstein. Nur durch Arman und Hains sind die französischen Nouveaux Réalistes vertreten. (Martini Raysse hatte seine Arbeiten zurückgezogen, da er meinte, "der Geist der documenta entspräche nicht einer freien und objektiven Information".) Überhaupt nicht vorhanden ist die Assemblage, die technologische Kunst ist gerade eben angedeutet durch ein Werk von Rauschenberg – Schiebetüren, die sich automatisch bewegen.

Selbst die Einrichtung der documenta spiegelt diese Voreingenommenheit für die Malerei wider; Der einzige im Ehrensaal zugelassene Pop-Künstler ist Wesselman, der allmählich das Reklamebild aufgibt, um es in großen farbigen Flächen untergehen zu lassen. Der Katalog folgt natürlich dem Prinzip der Ausstellung: im ersten Band die "echten" Skulpturen und die "echten" Gemälde, im zweiten die Lithographien, Serigraphien, Multiples und Assemblages. Warhol, der eigentlich nur Serigraphien macht, wird gleichzeitig als "Maler" und "Graphiker" aufgeführt.