Mittwoch, 10. Juli, 1. Programm: "Festtage auf der Autobahn" (Zeichen der Zeit)

Im Chronikstil, sachlich und chronometergetreu, wurde der große Aufbruch während der Osterfeiertage geschildert; die während zwischen Abendmahl und Auferstehung spiegelten sich in Polizeiberichten und Zeugenaussagen; Schrott und Blutspur markierten den Weg eines Festzugs, der friedlich verlief. (Friedlich, das heißt: weniger blutig als in früheren Jahren.)

Aus doppelter Sicht, der Perspektive des Hubschraubers und der Tatort-Optik, sah man die Akteure teils als Marionetten im Spielzeuggerät (stockende Kolonnen auf den Fernsehschirmen der Verkehrspolizei), teils als mürrische Schrittfahrer mit Brille, Hut und Zigarre.

Passahlamm, Folter und Kreuz: Am Gedächtnistest wurden gegen 17 Uhr Spitzen erwartet, um 6 Uhr früh die Parkplätze von den Kurzschläfern geräumt, um 24 Uhr die Fleischklumpen eines Männergesichts (zweite Öffnung zwischen Nase und Mund, blutiger Brei, Überlebenschance nicht sicher) ins Krankenhaus geliefert.

Daneben die Gesichter der Gesunden: Leere Flächen, tote Zonen zwischen Stirn und Kinn, Augen, die nichts als Kilometersteine, Reifenprofile und Raststätten abbildeten. Und als Begleitmusik stereotype Gespräche: Hör doch auf mit dem Schlitten, lag da das ganze Großgehirn auf dem Pedal, der hat blitzschnell rübergezogen, da war gar nichts zu machen. Ehepaare legten mit entschlossener Doppelgestik, mit gleicher Mimik den gleichen Vorgang beschreibend, die Schuld von der eigenen auf des anderen Schulter; in Rock und Jacke stimmten die motorisierten Rosenkranze, Güldensterne miteinander überein; immer wenn’s irgendwo bumste, schien der einzig Lebendige dieser Feiertage, schien Pilatus zur Stelle zu sein und sich die Hände zu waschen.

Ein guter Film, "Festtage auf der Autobahn", ein Film freilich auch, der noch besser gewesen wäre, wenn Autor Georg Friede! klug darauf verzichtet hätte, seinen Rapport mit einem Element der Spannung zu würzen. Wie viel eindrucksvoller wäre die Diskrepanz zwischen der Eingangsmeldung "An diesen Ostertagen passierte nur wenig" und den nachfolgenden Szenen, wie viel plausibler die Technik des Romans "Im Westen nichts Neues" gewesen (auch an einem ruhigen Tage werden kleine wichtige Tode gestorben) ... verglichen mit jener melodramatischen thriller-Manier, immer noch friedlich, noch immer nichts los, aber noch steht die Rückfahrt bevor, da wird erst zum Tanz aufgespielt, die den Betrachter am Bildschirm in die Rolle eines Reporters versetzte, der eine Sturmflut erwartet und am Ende nur vier Zeilen über ein Hochwässerchen schreiben kann.

Am Anfang der Satz "Es waren ruhige Tage", am Ende das Bild von dem Schmerzensmann mit dem blutigen Mund: So, denke ich, hätte man die Ostergeschichte noch besser erzählt. Momos