Von Kurt Sontheimer

Kurt Sontheimer, seit 1962 Ordentlicher Professor für Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin, gehört zu den Direktoren des Otto-Suhr-Instituts, die in der letzten Woche die Institutsleitung und alle Fakultätsämter niederlegten. Die Ordinarien protestierten damit gegen den Beschluß des Akademischen Senats, Reformen am Otto-Suhr-Institut nicht zuzulassen, und gegen eine Erklärung der Philosophischen Fakultät, in der eben diese Reform als Versuch bezeichnet wird, die Universität wieder einmal politisch gleichzuschalten.

Im Stellungskampf um die Wahrung und Sicherung der Positionen und Interessen von Professoren ist zur Zeit ausnahmsweise nicht der Staat die Instanz, die die akademische Freiheit bedroht; bedrohlich scheinen vielmehr die Studenten einschließlich jener Dozenten, die meinen, eine begrenzte Demokratisierung der Universität stelle die einzig angemessene reformerische Antwort auf die gegenwärtige Krise der Hochschule dar.

Professoren, Dozenten, Assistenten, Angestellte und Studenten des Otto-Suhr-Instituts für Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin haben in den letzten Wochen die bedrückende Erfahrung machen müssen, daß ihr gemeinsam unternommener, nach Überwindung vieler innerer Widerstände schließlich mit überwältigender Mehrheit auch des Lehrpersonals gebilligter Versuch, durch eine Reform der inneren Struktur des Instituts einen konstruktiven Beitrag zur Befriedung des Instituts und der Universität zu leisten, am massiven Widerstand der Ordinarien außerhalb des Instituts gescheitert ist.

Wenn es eines weiteren Beweises für die Richtigkeit der These bedurft hätte, die deutsche Universität sei nicht imstande, sich aus sich selbst heraus wirksam zu reformieren, so ist er jetzt durch die zweimalige Ablehnung des Satzungsentwurfs durch den Akademischen Senat der Freien Universität erbracht worden. Für einen Hochschullehrer, der wie ich diesen Satzungsentwurf unterstützt hat, ist diese Erfahrung bitter. Sie lähmt das Vertrauen in die reformierende Kraft der Vernunft und läßt irre werden an denen, die unter Berufung auf ihre "Einsicht und Erfahrung" jede wirksame Veränderung blockieren.

Die Satzung, die wir dem Akademischen Senat vorgelegt hatten, ist nicht am grünen Tisch gemacht worden. Sie war das Ergebnis eines intensiven politischen Willensbildungsprozesses aller Institutsmitglieder; sie war die konstruktive Antwort von Professoren, Assistenten und Studenten auf die Aktivität einer nicht gerade kleinen Gruppe linker Studenten, die während der abschließenden Debatten über die Notstandsgesetze das Institut zum Aktionszentrum der Außerparlamentarischen Opposition machen und es "besetzen" wollten. Sie ist in öffentlich und ohne jede Störung tagenden Kommissionen vorbereitet und in einer Vollversammlung mit vielen kontrollierten Einzelabstimmungen in demokratischer Weise verabschiedet worden.

Es war den Reformern von Anfang an klar, daß sie mit ihrer Reformidee scheitern müßten, wenn ihre Grundkonzeption, die Erhaltung einer repräsentativen Entscheidungsstruktur, bei der keine Gruppe die andere majorisieren kann (im Gegensatz zu einer plebiszitären Entscheidungsgewalt der Vollversammlung), und das klare Übergewicht der Lehrenden in allen Institutsgremien nicht gesichert werden könnten. Am Ende des Prozesses stand die Zustimmung aller Gruppen, auch der linken Studenten, zu unserem Reformmodell. Ein umfassender Konsensus war hergestellt.