Vor dem Hintergrund des lähmenden Antagonismus zwischen Bund und Ländern auf der kulturpolitischen Walstatt und der Nervosität der Hochschulen, die mit Studentenproblemen beschäftigt sind, nimmt sich der stetige Planungswille des Wissenschaftsrats etwas verloren aus. Wie ein Fähnlein der Aufrechten, das nicht daran denkt, zu kapitulieren, obwohl die Lage hoffnungslos zu sein scheint, führen seine Mitglieder die Arbeit fort. Um die Forschungsförderung stärker zu akzentuieren, hatte der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zum Ausbau der Hochschulen bis 1970 die Bildung von Sonderforschungsbereichen vorgeschlagen. In der vergangenen Woche wurde die Empfehlung nun durch ein Verzeichnis komplettiert, in dem 141 Sonderforschungsbereiche namentlich aufgeführt sind, mit Angaben über die Verfahrensordnung, die Einrichtung und Finanzierung.

Die Liste, die der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Professor Hans Leussink, als "ersten Schritt zu einer aktiven Forschungsplanung" bezeichnete, wurde gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft aufgestellt. Ihre Gutachter prüften die Anträge der Hochschulen, die Sonderforschungsbereiche angemeldet hatten, nach den vom Wissenschaftsrat aufgestellten Kriterien. Aufgenommen wurden in die Liste vorerst nur solche Forschungsbereiche, deren bisher geleistete Arbeit davon überzeugte, daß mehr Personal und mehr Geld die möglichen und erwünschten wissenschaftlichen Erfolge noch beschleunigen könnten. "Insoweit", heißt es, "handelt es sich bei dem Verzeichnis um eine erste Bestandsaufnahme bereits arbeitsfähiger Konzentration von Forschungskapazität."

Das Verzeichnis soll in den nächsten Jahren laufend ergänzt und überprüft werden. Falls die Entwicklung eines Forschungsbereiches den gestellten Erwartungen nicht entspricht oder die Arbeit zu Ende geführt ist, wird der Sonderforschungsbereich aufgelöst.

In welchem Umfang der Wissenschaftsrat zukünftig auch bisher vernachlässigte oder zukunftsträchtige neue Gebiete in sein Programm aufnehmen kann, wird vor allem von den erforderlichen Sondermitteln des Bundes und der Länder abhängen. Der Bund hat für dieses Jahr noch fünf Millionen in Aussicht gestellt, die schnell verteilt werden müssen, wenn sie nicht ein Opfer unseres unsinnigen Haushaltsystems werden und verfallen sollen. Indessen – den Ländern fehlt der Komplementärbetrag noch. Nur in einzelnen Ländern sind bisher erste Vorkehrungen getroffen worden. Das Programm der Sonderforschungsbereiche kann also erst nach und nach anlaufen. Der Wissenschaftsrat wird deshalb eine Reihenfolge aufstellen, nach der für die angemeldeten Vorhaben Bewilligungsanträge gestellt werden können.

Im nächsten Jahr wollen Bund und Länder gemeinsam 20 Millionen Mark für das Programm aufbringen. Nach Professor Leussink sind jedoch rund 200 Millionen Mark erforderlich, um eine ausreichende Förderung zu gewährleisten.

Mit den Sonderforschungsbereichen hat nun auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine neue Aufgabe erhalten. Obwohl man hätte denken können, daß sie ein zusätzliches Förderungsprogramm für die Forschung auch im eigenen Interesse als Chance ergreifen würde, nahm sie sich des Planes nur widerstrebend an. Als Sachverständigengremium ist sie sowohl an der Auswahl der Hochschulanträge beteiligt als auch zur Kontrolle der geleisteten Arbeit aufgefordert. Diese zusätzliche Verpflichtung und die damit verbundene Erweiterung ihrer Bürokratie erklären ihre Zurückhaltung noch nicht ganz. Der eigentliche Grund muß wohl in der Stimmung ihrer Mitglieder, den Hochschulen, zu suchen sein. Der Wille des Wissenschaftsrates zur Planung ist für viele immer noch unvereinbar mit ihrer Vorstellung von der akademischen Freiheit und Selbstverwaltung. Bei ihrer Beteiligung an dem Programm der Sonderforschungsbereiche kann deshalb wohl weniger mit Begeisterung gerechnet werden als lediglich mit einer Einwilligung, die sich in das Unausweichliche schickt.

Nina Grunenberg