Die Bundesregierung hat im Handel mit der DDR schon manche Chance verschenkt. Jetzt muß sie ihren Kurs unbeirrt durchhalten

Auf der Rostocker Warnow-Werft griff der DDR – Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht tief in die Mottenkiste des Kalten Krieges. Bei der Eröffnung der 11. Ostseewoche – der Konkurrenzveranstaltung zur traditionsreichen Kieler Woche – lobte er seine Schiffbauer, weil sie Importe aus der Bundesrepublik durch eigene Entwicklungen ersetzt und damit – so Ulbricht wörtlich – die Werften "störfrei" gemacht haben. Der zweitwichtigste Wirtschaftsfunktionär der DDR, der Leiter des Büros für Industrie und Bauwesen beim Politbüro des SED-Zentralkomitees, Günter Mittag, bezeichnet dies sogar als die entscheidende Aufgabe des Betriebes.

Nun ist es ja im Grunde nichts Ungewöhnliches, wenn ein devisenarmes Land wie die DDR Importe durch Eigenproduktion zu ersetzen sucht. In diesem Fall aber deutet dieÄußerung Ulbrichts einen Rückfall in längst überwunden geglaubte Autarkiebestrebungen an, deren Ziel es war, die DDR gegen jeden nur denkbaren Einfluß von draußen abzuschirmen.

Die Wirtschaftsreformer in der DDR haben es schwer genug gehabt, den schwerfälligen Planungsapparat der SED davon zu überzeugen, daß es kaum die Rolle des Außenhandels sein kann, lediglich Lückenbüßer für Rohstoffe und Erzeugnisse zu sein, die im eigenen Land auch beim besten Willen nicht zu produzieren sind.

So bahnte sich denn vor wenigen Jahren ein Sinneswandel an. Der Außenhandel wurde vom Lückenbüßer zu einem wichtigen Mittel zur Steigerung der Arbeitsproduktivität in der DDR, die sich im Rahmen des östlichen Wirtschaftsblockes Comecon mehr und mehr auf Spezialerzeugnisse konzentrierte. Im Zuge dieser Entwicklung erlebte auch der Interzonenhandel zwischen der Bundesrepublik und der DDR eine Renaissance, nachdem er lange Zeit – überspitzt gesagt – im Austausch von Socken und Einmachgläsern bestanden hatte. Allein von 1964 bis 1966 stiegen die Interzonenhandelsumsätze von 2,3 auf 3 Milliarden Mark. Seither schrumpft nicht nur der Handel zwischen den beiden Teilen Deutschlands; auch der Warenaustausch mit England und Frankreich ist rückläufig.

Das liegt sicher nicht nur an einer mangelnden Lieferfähigkeit des Ostens, es liegt sicher auch am fehlenden Lieferwillen. Schon im Dezember 1966, nach der Inthronisierung der Großen Koalition in Bonn, die eine liberale Ostpolitik auch gegenüber der DDR ankündigte, deuteten vorsichtige Äußerungen aus Kreisen des SED-Zentralkomitees einen Kurswechsel in der Handelspolitik mit der Bundesrepublik an.

Es war schon ein Fortschritt, daß Bonn sich von dem kalten Wind, der aus Pankow blies, nicht beirren ließ, wenn längst auch nicht alle Möglichkeiten ausgenutzt wurden und in den Parteien so mancher am Sinn dieser Politik zweifelte. Systematisch nahm sie der SED eine Möglichkeit nach der anderen, Bonn als den großen Störenfried auf dem Gebiet des Handels hinzustellen.