Die Idee eines gerade dreißigjährigen Professors wird Deutschland in den beiden nächsten Jahrzehnten vielleicht zu einem der führenden Länder in der Entwicklung fortschrittlicher Kernkraftwerke machen. Vor elf Jahren legte Professor Schulten die ersten Pläne für seinen Kugelhaufenreaktor vor; heute sind die Voraussetzungen für den Bau eines solchen Reaktors mit 300 MW elektrischer Leistung erfüllt.

Der Kugelhaufenreaktor hat sich in der Zwischenzeit zu einem Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR) gemausert und konkurriert als thermischer Brüter mit den schnellen Brütern, deren Entwicklung gegenwärtig von allen Industrienationen vorangetrieben wird.

Die deutsche Industrie und vor allem die Elektrizitäts-Versorgungsunternehmen (EVU) sind an dem Schulten-Projekt interessiert. Um eine Beteiligung an der Betriebsgesellschaft für das 300-MW-Kraftwerk hatten sich mehrere Gruppen beworben. Inzwischen wurde in Hagen die Hochtemperatur-Kernkraftwerk-Gesellschaft gegründet, an der kommunale Elektrizitätswerke und die Stadt Düsseldorf beteiligt sind; aus Dortmund empfehlen sich die VEW als weiterer Partner.

Der Auftrag für den Bau geht an Brown Boveri und Krupp Reaktorbau, die gemeinsam mit Euratom und der Kernforschungsanlage Jülich diesen Reaktortyp entwickelt haben. Dritter Verhandlungspartner ist das Bundesforschungsministerium. Weil der 300-MW-THTR-Reaktor noch nicht wirtschaftlich arbeiten wird, soll die Bundesregierung den Teil des Investitionsaufwandes übernehmen, der über den Baukosten eines entsprechenden konventionellen Kraftwerkes liegt. Das sind etwa 60 Prozent der Gesamtsumme von 300 bis 350Millionen Mark.

Die Bauzeit für den ersten großen THTR-Reaktor wird einschließlich Probelaufzeit auf fünf Jahre veranschlagt. Aber schon 1972 soll über einen 600-MW-THTR-Reaktor entschieden werden. Mit diesem Projekt soll erstmals auch ein wesentlicher Vorzug der Hochtemperatur-Reaktoren ausgenutzt werden. Im Kugelhaufenreaktor wird Helium als Kühlgas benutzt. Das erhitzte Gas dient jetzt noch zur Erzeugung von Heißdampf für den Turbinenantrieb.

Bis 1972 wollen die deutschen Techniker eine Heliumturbine entwickeln, und damit die teure Energieumwandlung überflüssig machen. Die Anlagekosten würden sich dadurch um 10 bis 15 Prozent vermindern. Gleichzeitig könnte ein Teil der erzeugten Wärme direkt abgezapft und an Industriewerke als Prozeßdampf abgegeben werden.

Die gleichzeitige Gewinnung von elektrischer Energie und Heißdampf zeichnet den THTR-Reaktor vor anderen Reaktortypen aus. Die billige Atomwärme ist besonders attraktiv für die chemische Industrie und für Stahlwerke. Nach den Berechnungen der Forscher ist Atomwärme sogar so billig, daß die Vergasung von Stein- und Braunkohle zur Gewinnung eines Konkurrenzprodukts für Erdgas wirtschaftlich erscheint.