Von Alex Natan

Die älteste Ruderregatta auf der Welt findet seit 1839 in Henley statt, dort wo die Themse noch ein ruhig fließendes, idyllisches Flüßchen ist. Seit 1851 darf sie sogar den Titel einer "königlichen" Regatta führen, da damals der Prinzgemahl Albert das Patronat übernommen hatte. Damit jedoch wurde die Regatta zu einem Meilenstein im sommerlichen Kalender Englands. Unter den vielen, ähnlichen Ruderfesten, die auf anderen Flüssen und Strömen, auf Seen und an Meergestaden abgehalten werden, besitzt keines den gleichen Zauber und vermag so starke Internationalität anzuziehen wie eben Henley. Dabei haben sich heute dunkle Wolken über dieser so lieblichen Gegend zusammengeballt, die die Zukunft der alten Regatta in Frage stellen.

Henley findet von jetzt ab in der zweiten Juliwoche statt, das heißt, es ist später gelegt werden, um einen echt englischen Kompromiß zu erreichen, der schließlich nur jenen britischen Rudermannschaften schaden wird, die internationale oder olympische Hoffnungen besitzen. Einer der Höhepunkte der Regatta ist das Rennen um den Princess Elizabeth Pokal, für den nur Mannschaften der berühmten Internate zugelassen werden. Nun ist jedoch das englische Abitur aus pädagogischen Gründen in die Zeit von Ende Juni bis Anfang Juli verlegt worden, so daß der Pokal nicht mehr ausgeschrieben werden könnte, da er kaum Nennungen erhalten würde. Deswegen ist die Regatta weiter in den Juli hineinverlegt worden, wenn die Schulexamen vorüber sind, die Ferien jedoch noch nicht begonnen haben. Unter dieser Verlegung leiden zuerst einmal die Universitätsmannschaften, da die meisten Hochschulen Ende Juni in die Ferien gehen und nicht mehr ihre Rudermannschaften zusammenhalten können.

Vor allen Dingen fällt Henley nunmehr direkt mit der internationalen Regatta auf dem Rotsee bei Luzern zusammen, einem der wichtigsten Ereignisse im europäischen Ruderkalender. Diese Regatta gibt nämlich einen viel besseren Maßstab ab, das Potential der besten Mannschaften zu ermessen, als es Henley vermag. Henley besitzt nämlich nur eine Rennstrecke für jeweils zwei Boote, während Luzern Rennen unter internationalen Bedingungen ausschreiben kann, die allen Bestimmungen entsprechen. Weil eine Rennstrecke für mehr als zwei Boote in Henley unmöglich ist und überdies jene Lieferanten, die für die leiblichen Genüsse dort verantwortlich zeichnen, Ende Juli nicht funktionieren können, muß Henley in der ersten Monatshälfte abgehalten werden und sich für seine weitere Existenz auf seinen einmaligen Charakter verlassen können, der ihm bislang eine hundertjährige Anziehungskraft gegeben hat.

Ausländische Mannschaften, besonders die Gäste aus den Vereinigten Staaten, suchen nicht Henley auf, um dort auf ernste Rivalen zu stoßen. Sie kommen, um dort die Exzentrizität von Henley zu spüren und auszukosten, den unwahrscheinlichen Zauber der Landschaft, die gesellschaftliche Patina von Anno dazumal und diesen seltsamen Ruderkurs, der über eine englische Meile und 570 Yards führt. Eben deswegen kommen immer noch ausländische Mannschaften nach Henley, so daß im vergangenen Jahr eben nur jener Pokal, der den Internaten vorbehalten ist, im Lande blieb.

Henley hängt jedoch, um sich seinen sportlichen und gesellschaftlichen Ruf zu erhalten, vor allen Dingen von der Teilnahme der Internate und der Colleges von Oxbridge ab. Die erhebliche Verbesserung im englischen Schulrudern ist zweifelsohne eines der besten und gesündesten Zeichen in der jüngsten Sportentwicklung im Inselreich. Schließlich haben die Schulen in den letzten Jahren Mannschaften nach Henley gesandt, die den selbstgefälligen Mannschaften aus Oxbridge und von den führenden Rudervereinen einen heilsamen Schrecken eingejagt haben. Ohne Schüler und Studenten, ohne ihre sehr beträchtliche Gefolgschaft und ohne seinen Platz im gesellschaftlichen Kalender könnte Henley heute nicht mehr existieren, denn die Abhaltung der Regatta kostet heute mehr als 60 000 Pfund.

Deswegen hat Henley in die Zukunft geschaut und die Abhaltung in den Juli hinein um eine Woche verschoben, um sich seine Existenz zu bewahren. In ähnlicher Richtung lag auch der Schritt, in diesem Jahr einen zweiten Wettbewerb im Vierer mit Steuermann abzuhalten, der nur für einheimische Vereine offensteht. Man hofft auf diese Weise in diesem Wettbewerb den Standard im nationalen Durchschnitt steigern zu können und gleichzeitig den Schulen eine Alternative bieten zu können, wenn sie nicht stark genug sind oder nicht genügend Mittel besitzen, sich einen oder mehrere Achter zu halten.

Von einem internationalen Gesichtspunkt aus gesehen ist die Verlegung jedoch zu einem Fluch für englische internationale Aussichten geworden. Sein Kurs für zwei Boote zu diesem so wichtigen Zeitpunkt der Saison gibt nur einen ungefähren Hinweis auf eine durchschnittliche Form. Was der englische Rudersport benötigt, ist eine Regatta, die vierzehn Tage vor Henley stattfindet und einen Kurs für mehr als zwei Boote besitzt. Henley jedoch, so steht zu befürchten, wird aus dem internationalen Kalender langsam ausscheiden und wieder das werden, was es vor hundert Jahren gewesen ist: ein gesellschaftlicher Wasserkarneval für wohlhabende Amateure, ein Anachronismus im Zeitalter der sportlichen Unterhaltungsindustrie.