Von Michael Globig

Einem amerikanisch-italienischen Forschungsteam gelang es Ende Mai in Turin, ein Transplantations-Antigen zu isolieren, das für die Bildung bestimmter Antikörper im Menschen verantwortlich ist. Dieses beachtenswerte Ergebnis wurde nach nur sechswöchiger intensiver Zusammenarbeit zweier erfahrener Arbeitsgruppen erzielt.

Unter der Leitung von Professor Ruggero Ceppelini vom Institut für medizinische Genetik in Turin wirkten an diesem Projekt mit: die Italiener Dr. Michele Pellegrino, Dr. P. L. Mattiuz und Dr. Sergio Curtoni und die Amerikaner Dr. Barry Kahan und Dr. Ralph Reisfeld (beide vom Institut für Allergie- und Infektionserkrankungen in Bethesda, Maryland).

Ein Organismus wehrt sich gegen das Eindringen körperfremder Stoffe durch die Immunreaktion. Dabei veranlassen die in den eindringenden Substanzen enthaltenen Antigene die Bildung spezifischer, gegen die Substanz gerichteter Antikörper. Man nimmt heute an, daß es bei Hautübertragungen und Organübertragungen und Organverpflanzungen nur dann zu keiner Abwehrreaktion kommt, wenn die Antigene von Spender und Empfänger übereinstimmen. Das ist vollständig wohl nur bei eineiigen Zwillingen der Fall, bei denen sämtliche genetischen Informationen identisch sind. Es gibt aber mehrere Wege, sich diesem Idealzustand, der sogenannten Immuntoleranz, anzunähern.

Eine Möglichkeit besteht darin, dem potentiellen Transplantat-Empfänger im Embryonalzustand Gewebe des späteren Organspenders einzupflanzen (ZEIT Nr. 3/1968). Der Körper, der in diesem Stadium noch nicht in der Lage ist, zwischen eigenem und fremdem Gewebe zu unterscheiden, akzeptiert das fremde Gewebe als eigenes und bildet keine Antikörper dagegen.

Man kann aber auch dem Organismus das zukünftigen Patienten über einen langen Zeitraum ständig so kleine Dosen eines Transplantations-Antigens zuführen, daß es zu keiner kritischen Antikörperbildung kommt. Mit dieser Art "Schutzimpfung" läßt sich unter Umständen allmählich eine Immuntoleranz gegen das fremde Gewebe aufbauen.

Gerade für derartige Versuche ist die Isolierung eines der Transplantations-Antigene von großer Bedeutung. Die – heute noch ausstehende – chemische und genetische Identifizierung des Antigens kann es außerdem in Zukunft erlauben, präzisere Aussagen über die Gewebeverträglichkeit von Transplantat-Spendern und -Empfängern zu machen.