Von Wolfram Siebeck

In Polen beging man kürzlich den "Tag der Rückgabe entliehener Bücher". Ein prachtvolles Exemplar von einem Gedenktag, der sich zwischen dem Tag der Milch und dem Tag des herrenlosen Dobermanns nicht zu schämen braucht. Schon mustere ich schuldbewußt meine Bibliothek, da lenkt mich glücklicherweise die Nachricht vom Tag des neuen Millionärs ab.

Diesen Tag feiert man dort, wo die Talsohle am tiefsten ist, in Nordrhein-Westfalen. Und zwar feiert man ihn täglich.

Denn jeder neue Tag bringt den Menschen an Rhein und Ruhr einen neuen Millionär. Jahr für Jahr rund 365 Stück.

Ein Millionär pro Tag – das ist für die Bewohner des Ruhrgebiets eine größere Chance als sechs Richtige im Lotto. Und jeden Morgen, wenn in den Arbeitersiedlungen die Wecker rasseln, fragen sich die Werktätigen erwartungsvoll: Wer wird es heute sein?

Nun hat die Millionärsschwemme allerdings auch ihre Probleme: Es läßt sich die enorme Zunahme von Kapitalisten vor den Kindern nicht verbergen.

Schon in meiner Jugendzeit, die ich zeitweilig im Ruhrgebiet verbrachte, blieb uns Kindern der Millionärszuwachs nicht verborgen. Da die Eltern es bei den damals üblichen Erziehungsmethoden nicht für nötig hielten, uns aufzuklären, erlitten viele von uns nervöse Schocks, als wir dann eines Tages, gänzlich unvorbereitet, selber vor der ersten Million standen. Rechtzeitige Aufklärung über das so unendlich schöne Werden eines Millionärs hätte in vielen Fällen schwere seelische Schäden verhindern können.