Uppsala, im Juli

Im Schloß von Uppsala zeigte Mary Corita, Lehrerin am Immaculata Heart College in Los Angeles und eine der einfallsreichsten ver-Artistinnen der USA, 80 große, über Kreuz verschachtelte Kartonagen. Sister Mary und ihre Schülerinnen haben sie eigens für die 4. Vollversammlung des Weltrates der Kirchen in der schwedischen Universitätsstadt Uppsala angefertigt. Man ging umher wie in einer Drehtür und las Sprüche wie diesen: "Wir müssen unsere Fehler durch Aufmerksamkeit und nicht durch guten Willen kurieren." Das wäre ein besseres Motto für die ökumenische Kirchenversammlung gewesen als jenes Wort aus der Offenbarung des Johannes: "Siehe, ich mache alles neu!" Denn dieser Bibelspruch richtete einen unerfüllbaren Anspruch an die Konferenz und hat manchen Delegierten nur zu frommen Reden verführt.

800 Delegierte vertraten auf dieser Versammlung 235 Kirchen, also fast die gesamte nichtrömische Christenheit. Die Konferenz die nur mit soviel Autorität ausgestattet ist, wie der Weisheit ihrer Entschlüsse innewohnt, hatte sich sechs große Themen gestellt: Die Einheit der Kirche, die christliche Mission, die wirtschaftliche und soziale Weltentwicklung, Gerechtigkeit und Frieden in internatonalen Angelegenheiten; dann die Frage, wie man in unserer Zeit Gottesdienst feiern kann; schließlich gab es eine Arbeitsgruppe mit dem vielversprechenden Titel: "Auf der Suche nach einem neuen Lebensstil."

Das war weit mehr, als eine solche Versammlung in knapp drei Wochen bewältigen konnte. Aber es zeigte sich bald, daß diese Weltkirchentagung im Grunde nur ein Thema hatte, und daß ihr Erfolg nicht daran zu messen ist, ob sie zu jedem Problem ein klärendes Wort parat hatte. Der Prüfstein für die Konferenz in Uppsala war das Verhältnis der reichen zu den armen Nationen. James Baldwin, der amerikanische Schriftsteller, formulierte es im Titel seines Vortrages als eine harte Alternative: Weißer Rassismus oder Weltgemeinschaft?

Keine andere Frage trifft das christliche Gewissen so empfindlich wie die Kluft zwischen den reichen Industrienationen, die mit dem Christentum groß und mächtig geworden sind, und den Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas, die wohl am Christentum teilnehmen sollen, aber denen der Wohlstand der Christen vorenthalten wird. Für Baldwin ist der christliche Glaube die Religion der weißen Rasse, und er folgerte daraus: "Wir müssen selbst für unsere Erlösung sorgen." Dieser Satz blieb haften, und auch der von Visser’t Hooft: "Es muß deutlich werden, daß die Kirchenmitglieder, die ihre Verantwortung für die Bedürftigen in einem anderen Teil der Welt praktisch leugnen, ebenso der Häresie schuldig sind wie die, die den einen oder anderen Glaubensartikel leugnen."

Vom ersten Tage an war diese Konferenz von einer inneren Unrast getrieben. Der Abfall der Kirche von der Wirklichkeit ist vielen Delegierten noch nie so deutlich geworden. Gerade die Eingaben der 150 Jugenddelegierten dringen darauf, nicht vom Himmel zu erwarten, was Menschen selbst zu tun haben. An der Möglichkeit, eine gerechtere Weltordnung zu erreichen, und an der Bereitschaft der Kirchen, für sie einzustehen, hängt offenbar für viele Christen ab, was sie mit ihrem Glauben überhaupt noch anfangen können.

Die Konferenz war fast nur von westlichen Experten vorbereitet worden. Gerade sie haben dafür gesorgt, daß die Delegierten drei Tage lang mit wirtschaftlichen und politischen Analysen und mit schneidenden Angriffen gegen die weltbeherrschenden Mächte bombardiert wurden. Auch der Präsident der ostafrikanischen Republik Sambia, K. D. Kaunda, machte der Konferenz die Rechnung auf, welche Ausbeutung westliche Industrieunternehmen unter dem Namen "Entwicklungshilfe" in afrikanischen Ländern betreiben.