Von Aimelise Kress-Daab

Autobiographien von Philosophen sind ein Novum in unserer Zeit. Kant verbat sich eine Biographie zu seinen Lebzeiten "aufs inständigste und ernstlichste". Aber schon Schriften von Kierkegaard und Nietzsche zeigen deutlich autobiographischen Charakter. Die neueste – vierte – autobiographische Schrift von

Karl Jaspers: "Schicksal und Wille", autobiographische Schriften, herausgegeben von Hans Saner; R. Piper & Co Verlag, München; 188 S., Paperback, 10,80 DM

enthält ein literarisches Selbstporträt, eine Kindheitsgeschichte, Tagebuchbruchstücke und als bedeutendstes Stück seine eigene Krankheitsgeschichte, die im einzelnen Mediziner schon deshalb interessieren muß, weil Jaspers mit einem Leiden, das sonst spätestens in den dreißiger Jahren eines Lebens tödlich verläuft, jetzt fünfundachzig Jahre alt geworden ist.

Der junge Student, der in Jaspsers’ mittleren Jahren in Heidelberg studierte, suchte dort den "existierenden Denker". In Jaspers’ Vorlesungen und Schriften der damaligen Zeit ist dieser von Kierkegaard übernommene Begriff ausgesprochen oder unausgesprochen gegenwärtig. Soweit ein solcher Student davon wußte, mußte er das Existieren "im eminenten Sinne" bei Jaspers in der Bewältigung der Krankheitssituation sehen, die freien geistigen Austausch schwer behinderte. Darum mußte ein solcher Student auch begreifen lernen, daß der Zentralbegriff in Jaspers’ Existenzphilosophie, die "Kommunikation", von Jaspers selber nicht verwirklicht werden konnte. "Kommunikation", sagte Jaspers einmal, "habe ich nur mit meiner Frau und meiner Schwester." Wenn dann ein solcher Student außerdem erfuhr, daß es Jaspers dennoch auf ein ausgedehntes Wirken-Wollen ankam, erschrak er.

Die beste Autobiographie, die man von einem solchen Philosophen erwarten könnte, wäre eine Analyse all der Praktiken aus sogenannter Lebensklugheit, die notwendig auf diesem Weg des Wirken-Wollens liegen. Gelegentlich schimmern bei Jaspers derartige Praktiken durch, aber sie werden nirgends ausdrücklich Thema. Nach dem vorhandenen Material kann man sich manchmal den wirklichen Vorgang konstruieren. So war es Jaspers anscheinend gelungen, sein eigentliches körperliches Leiden, das keinen progressiven Charakter hatte und bei richtiger Behandlung geistige Arbeit erlaubte, vor den Medizinern der Heidelberger psychiatrischen Klinik zu kaschieren und doch überzeugende Argumente zu finden, von den Anstrengungen einer regulären Assistentenlaufbahn befreit zu werden. Es ergingen an ihn mehrere Rufe an medizinische Fakultäten, die bei genauer Kenntnis der Sachlage nicht erfolgt wären. Es gelang ihm auch, die philosophische Fakultät davon zu überzeugen, daß er auf das Heidelberger Klima nicht angewiesen sei und also einen Ruf nach auswärts annehmen könne, der damals aktuell wurde. So wurde ein Ordinariat für ihn errichtet.

Eine Analyse dieser Vorgänge wäre ein wertvoller Beitrag zur Entschleierung des Universitätsmanagements. Wenn durchsichtig wird, wie sich eine Begabung nicht nur durch Leistung durchsetzt, sondern im Vorankommen abhängig ist von der autoritativen Gewalt von Ordinarien und Fakultäten, von subjektiven Sympathien, von Glücksfällen und Machenschaften, wie von anderen über einen werdenden Professor bestimmt wird und wie ein gewordener Professor über andere bestimmt, erst dann kann eine solche Analyse revolutionierende Wirkung haben und als existenzphilosophisch gelten.