Die Idee des jungen Arztes war es, ärztliche Dienstleistungen an Firmen zu verkaufen. Anfangs dachte er an Firmen, die zwar eine medizinische Betreuung ihrer Belegschaft wünschen, aber nicht groß genug sind, einen eigenen Werkarzt anzustellen. Ein Gedanke, der bald von den Tatsachen überholt wurde.

Zunächst suchte Dr. Czapski nach Unterlagen, Statistiken, Literatur. Er fand nichts, aber auch gar nichts in Brasilien: Wer hier krank wurde, mußte allein zusehen, wie er mit seinem Schicksal fertig werden mochte. Dieses düstere Panorama bot allerdings auch einen Lichtpunkt zu neuem Ansatz: Es gab keine Krankenkassen oder Krankenversicherungen und damit keine zementierten Institutionen, keine heiligen Kühe.

Ein Freund, Besitzer einer kleinen Fabrik mit etwa hundert Arbeitern und Angestellten, gab Dr. Czapski die Chance, seine Idee in der Praxis zu erproben und die fehlenden Erfahrungen selbst zu sammeln. Der Arzt verpflichtete sich, alle Betriebsangehörigen medizinisch zu betreuen – gegen ein geringfügiges monatliches Honorar pro Kopf der Belegschaft.

Als Dr. Czapski aus den ersten Anfängen seines Experiments wieder auftauchte, hatte er schon Erfahrungen. Vor allem: die Belegschaft läßt sich nicht sanieren und gesund erhalten, wenn nicht auch die Familienangehörigen in die Betreuung einbezogen werden.

So weitete sich der Kreis unversehens. Zu den Arbeitern und Angestellten kamen deren Frauen und Kinder. Für Dr. Czapski bedeutete das: Frauen- und Kinderkrankheiten, Geburtshilfe, präventive Medizin im Heim, höhere Kosten. Es war schwer, hart kalkulierenden Industriellen in einem Land mit feudalkapitalistischer Tradition solch neue Ideen klarzumachen, ihnen den materiellen Vorteil gesunder Betriebsangehöriger mit gesunden Familien vorzurechnen.

Damals, 1957, eröffnete gerade die Volkswagenwerk AG, Wolfsburg, ihre erste Montagewerkstätte in Brasilien. Auf der Suche nach einem Krankenschutz für ihre anfangs 320 Belegschaftsmitglieder fanden die Volkswagenleute in Brasilien nichts, keine Kasse, keine Versicherung. Nur das Angebot eines gewissen Dr. Czapski. Sie gingen darauf ein.

Dr. Juljan Czapskis Policlínica Central betreut heute mehrere große, mittlere und kleine Industriewerke im Raum São Paulo, einschließlich der Volkswagenbelegschaft (14 300 Arbeiter und Angestellte) und aller Familienangehörigen, zusammen rund hunderttausend Menschen. Es zeigte sich nämlich, daß gerade große Firmen, die durchaus eigene Werkärzte beschäftigen könnten, das ganze Problem gern auf Vertragsbasis an eine spezialisierte Organisation abgeben.