Von Christopher Driver

Plötzlich in diesem Sommer fing es wieder an zu rumoren im intellektuellen und schöngeistigen England. Die Studenten-Revolte ist daran natürlich nicht unschuldig. Die Vorkommnisse in Paris, New York, Berlin – und, näher noch, an der Universität von Essex und dem Hornsey College of Art – haben die Basis des samtweichen Liberalismus, von der aus Englands Akademiker einer widerlichen Welt mißgelaunt zu begegnen pflegten, ins Wanken gebracht. Zur Selbstverteidigung gezwungen (und das nicht gegenüber irgendwelchen entfernten Feinden, sondern gegenüber der hungrigen Generation ihrer eigenen Klasse und sozialen Schichten) sahen sie sich konfrontiert mit Grundsatzfragen, die heute an den Stätten akademischer Ausbildung planmäßig umgangen werden: Ist Gewaltanwendung zu rechtfertigen? Was ist Redefreiheit wirklich? Welche Art von Loyalität kann ein Staat dafür, daß er Geld zahlt, von der Universität erwarten? Das Vorhandensein eines sozialen Klimas, in dem Fragen wie diese wieder einmal gestellt werden können, ohne mit einem überheblichen Lächeln aufgenommen zu werden, ist immerhin ein kleiner Trost angesichts der ausgiebigen politischen Enttäuschungen, die Englands liberaler Linken seit Wilsons Amtsübernahme im Jahre 1964 bereitet wurden.

kulturell gesehen war die direkte Wirkung der Studenten gering. Wenn eine Studentengruppe einen Vize-Kanzler anpöbelt oder ein die Nacht über dauerndes Sit-in abhält, um die Abänderung eines Studienplanes zu erreichen, dann hat das nicht unbedingt etwas mit Kultur zu tun. Nur die Pariser haben ihre Revolution so zelebriert – der englische Kritiker Kenneth Tynan pflegt so etwas eine "hochgradige Aufführung" zu nennen – als handle es sich um ein Kunstwerk von Rang. (Übrigens wirft es ein trauriges Licht auf die menschliche Psyche, daß Gewalt, gegen wen auch immer sie sich wenden mag, einen guten Stoff für die Kunst abgibt, wohingegen durch Verhandlung erreichte Kompromissse das Gegenteil davon sind.)

Nichtsdestotrotz gibt es manches Gemeinsame zwischen den Ansichten der derzeitigen Studentengeneration und den Vorstellungen vieler junger Künstler. Beide finden eine engere Zusammenarbeit der einzelnen Disziplinen wichtiger als die Konzentration auf ein einzelnes Fach. Für die Studenten ist die auf Hochglanz gebrachte technische Leistungsfähigkeit (egal ob jetzt in der Wirtschaftswissenschaft, englischer Literatur oder Biochemie) die moderne Version der "trahison des clercs". Für die Künstler, die ihre Ausdrucksmittel so unbefangen durcheinandermischen wie die Politiker ihre Metaphern, bedeutet die hundertprozentige Bevorzugung einer einzigen ästhetischen Tradition ein Verschleudern all der unbegrenzten neuen Möglichkeiten, die durch die Elektronik- und Kunststofi-Forschung eröffnet wurden. (In diesem Zusammenhang jedoch ist es nicht uninteressant, daß das Hornsey College of Art, wo alle die Grundsätze der künstlerischen Revolution am detailliertesten ausgearbeitet wurden, in seiner Schmuck-Abteilung einige der erlesensten und technisch vollendetsten Kunstwerke herstellt, die es im ganzen Lande gibt.)

Die zwischenfakultative Bewegung hat in London gerade in letzter Zeit durch die Schaffung breiter "polykünstlerischer" Zentren Gestalt angenommen: im "Institute of Contemporary Arts in der Mali und im "Arts Laboratory" in der Drury Lane.